Landschaften

Sieben Landschaften bilden Namibia: Küstenstreif, Groß-Namaland, Damaraland, Kaokoveld, Karstfeld, Ovamboland und Kalahari.

Küstenstreif
Zum Küstenstreif werden die Küstenlinie mit den ihr vorgelagerten Inseln und die Namib gerechnet. An der felsigen und abweisenden Sandstrandküste tobt während des ganzen Jahres eine schwere Brandung, deren zerstörende Wirkung nur streckenweise durch Schwemmsand gemildert wird. Die Benguelaströmung beeinflußt nicht nur die Temperaturen des Meeres und der Küstenregion, sondern hat auch zu deren ständigen Konturwechsel beigetragen. Mehr als ein Hafen versandete. Der bei Cape Cross gelegene Ogdenhafen, in dessen 13 m tiefer Bucht noch 1829 Kapitän Morrell geankert hatte, war genau 50 Jahre später nahezu spurlos verschwunden. Vor die Sierrabai der Walfänger schob sich in nur sechs Jahrzehnten ein 600 m breiter und 16 km langer Sandwall. Eine Ausnahme bildet nur die immer wieder als "schönster Hafen des Schutzgebietes" gepriesene Lüderitzbucht.
Zur Küstenlinie gehören die ihr vorgelagerten, in englischem Besitz befindlichen Inseln: im Norden Itschabo, Hollam's Vogelinsel (Bird Island) und Mercury Island, im Bereich der Lüderitzbucht die Seehund- und Pinguininsel Halifax, weiter südlich Possession, Long Island, Pomona und die Plumpuddinginsel, im äußersten Süden schließlich die Sinclair- und Roastbeefinseln. Sie alle wurden von den Briten wegen ihres reichen Guano- und Pelzrobbenertrages streng gehütet und waren den Deutschen Südwestafrikas weitgehend unbekannt. Die zum Küstenstreif gehörende Namib - eine Wüste, der die Namas den Namen gaben - wird durch Sanddünen und Felsöden gekennzeichnet. Sie erstreckt sich zwischen Oranje im Süden und Kunene im Norden in einer mittleren Breite von 60 km über eine Entfernung von 1400 km. Ihr größtenteils mildes Seeklima kann im Juni/Juli durch die "Gesichtswinde" empfindlich gestört werden, Föhnwinde, die von den Hottentotten so genannt wurden, weil sie aus dem Osten, dem "Gesicht der Welt", bliesen. Auch hier ist "unser Land als Stiefkind der Natur zwischen zwei Wiegen gelegt", zwischen die regenreichen Gebiete im Norden (Tropen) und im Süden (Kapland). Was die nördliche Hälfte der Namib von der südlichen unterscheidet, ist die stattliche Zahl ihrer bis zum Meer führenden "wegsamen" Riviere. Demgegenüber rieseln zwischen Kuiseb und Oranje höchstens unterirdische Wasseradern westwärts.
Der Küstenstreif, insbesondere die Namib, wurde von Nomaden bevölkert, ursprünglich Buschmännern, denen sich Hottentotten anschlossen und mit ihnen vermischt hatten. Nach Aufzeichnungen des Kapitäns Morrell müssen die Namas einst ein reiches Volk gewesen sein, das mit seinen Herden Jahr für Jahr im Juni nach Westen in die Winterregengebiete des Namibrandes aufbrach. Gegen Ende des 10. Jh. blieben die Hottentottentrecks aus, die Herden waren verschwunden, und nur noch verarmte Reste ihres Volkes hatten sich erhalten.

Groß-Namaland
Wie andere Landschaften Südwestafrikas auch, stellt das Groß-Namaland einen Ausschnitt des Hochgebiets aus dem Gebirgskranz Südafrikas dar. Seine westliche Grenze bildet die Namib, östlich dient der 20. Längengrad als Landesgrenze. Im Norden schließen sich die Gebirgsmassive des Damaralandes an, die Südgrenze zieht der Oranjelauf. Den Karten nach scheint das Namaland von einem weit verzweigten Flußnetz durchzogen. Tatsächlich aber ist die Zahl der oberflächlich fließenden Gewässer wegen des Niederschlagsmangels gering. Sie sind überwiegend Regenflüsse. Eine Ausnahme bildet nur der Oranje.
Das Klima wird mit zunehmender Höhe von dem wachsenden Gegensatz zwischen Tages- und Nachttemperaturen gekennzeichnet. "Mit Recht singt der Hottentott, wenn ihm vom wolkenlosen Himmel die Frühsonne seine erstarrten Glieder wärmt: "Der Wolkenschatten ist des Schakals Sohn, die Sonne ist meine Tochter."" Auf den Höhen kann die Temperatur im Juli (Südwinter) nachts unter -8°C sinken. Die Sommerwerte schwanken zwischen 34° am Tage und 13°C in der Nacht.

Damaraland
Das Damaraland geographisch einzuordnen, fiel schwer, liegt der Süden doch im Mischgebiet zweier Völker, der schwarzen Maman und der gelben Hereros oder "Viehdamara". So wählte man als Grenzen im Süden den Swakop-Unterlauf, im Norden das kalkige Otavi-Bergland, im Osten die Kalahari, im Westen Kaokoveld und die Namib. Das Relief zeigt im Westen das Bergland des Aufstiegs. Die zentralen, teilweise mehr als 2000 m hohen Gebirgsmassive bilden den Hochlandbuckel. Weiter nördlich macht das Gebirge Platz für das von drei größeren Rivieren durchzogene und entsprechend fruchtbare Berginselflachland. An mehr als an einer Stelle, teilweise sogar in den Sandbetten einiger Riviere, sprudeln 64° bis 75°C heiße, mineralhaltige Quellen.
Die Temperaturen weisen im Mittel höhere Werte als das namaländische Klima auf: 23° im November, 22° im Februar, 13° im Juli. Auch mit seinen Niederschlägen, für die Ergiebigkeit der Viehweiden und -tränken von größerer Bedeutung als die Temperaturen, ist das Damaraland besser gestellt als das Namaland. Die Kennzeichen: kräftiger und regelmäßiger Frühlingsregen, frühzeitig einsetzende sommerliche Niederschläge und Gleichmaß der Regenmengen über Jahre hinaus. "All diese klimatischen Vorzüge", so ein Forscher um die Jahrhundertwende, "haben... auf unermeßlichen Weidefeldern ein Hirtenleben aufblühen lassen, wie es materiell reicher und im Seelenleben der Eingeborenen charakteristischer gespiegelt in ganz Südafrika nicht wiederzufinden ist."

Kaokoveld
Das Kaokoveld erstreckt sich zwischen der Namib im Westen und dem Damara-, dem Ovamboland und dem Karstfeld im Osten bzw. Nordosten bis an den nördlichen Grenzfluß Kunene. Gegen die Kunene-Niederung fällt es steil ab. Flüsse haben aus dem Gebirgsland verschiedentlich Massive herausgeschnitten, einzelne Gebirge, damals noch unerforscht, erheben sich im Westen bis zu 900 m, im östlichen Bergland bis zu 1200 m und als steiles Massiv über dem letzten Kunene-Katarakt bis zu 1700 m Höhe.
Die Landschaft gehört zum Gebiet des Frühlingsommerregens. Reichlich fallende Niederschläge, Wärme und guter Bodenwasserstand prägen ihr Bild. Vegetation und Tierleben weisen tropischen Charakter auf. An den Rivieren stehen Palmen. Giraffen und Elefanten belebten diese Oasen, die allerdings durch weite, trockene und unzugängliche Gebiete getrennt werden. "So ist das Kaokoveld die Zuflucht der schwächeren, anderweitig unterlegenen Volkselemente Südwestafrikas geworden, ein Asyl der Freiheit, mit Armut erkauft."

Karstfeld
Eingekeilt zwischen dem Damaraland im Süden, dem Kaokoveld im Westen und der Kalahari mit dem Ovamboland liegt das "Karstfeld Südwestafrikas", eine Landschaft, die ihren Namen wegen der zahlreichen Einsturz- und Höhlenbildungen ihres Kalkbodens trägt. Buschleute kletterten unter Lebensgefahr durch 50 bis 60 m tiefe Schlote, um aus unterirdischen Seen zu schöpfen. Höhlen, in denen früher abbauwürdige Erzvorkommen vermutet wurden, vervollständigen das Bild des Karstfeldes. Die Bewässerungsverhältnisse sind dank reicher unterirdischer Wasservorkommen günstig. Leicht zu erschließende Quellen mit Sekundenleistungen von 30 Litern sind keine Seltenheit. Was seine Bevölkerung betrifft, so beschränkten sich die Forscher auf die Feststellung, daß "auch hier... unstete Buschmänner die Herren des unbegehrten Feldes" seien.

Ovamboland
Die ersten Forscher, die, aus dem Karstfeld kommend, das nördlich angrenzende Ovamboland betraten, sahen sich angesichts dichter Wälder tropischen Charakters von einer neuen Welt umgeben. Eigentlich schien diese Landschaft nicht mehr als eine weit nach Westen reichende Zunge der Kalahari zu sein. Doch die Gunst der natürlichen Wasserversorgung hatte das Ovamboland zu einem abflußlosen Sonderfeld im Gebiet der Kalahariverrieselung, mit der Etosha-Pfanne als Sammelbecken, werden lassen. So ergaben sich als Grenzen im Süden das Karstfeld, im Osten die Bodenwelle, auf der sich die Etoshazuflüssen von denen des Okavango scheiden, im Westen die Felsen des Kaokoveldes, im Norden die "politische Linealgrenze" etwa zwischen dem 14. und 18. östlichen Längengrad.
Das Klima hat der eingeborenen Bevölkerung den Daseinskampf mit der weißen Rasse verhältnismäßig lange erspart. Hitze mit Temperaturen von mehr als 30°C einerseits, periodische Überschwemmungen und Austrocknungen andererseits machten das Land zu einer Brutstätte schwerer Fieber. Allerdings kommen die Wassermassen der zweimal jährlich anschwellenden Niederschläge tropischen Charakters dem Boden an Ort und Stelle zugute, da kein Rivier sie abführt. Inmitten des nördlichsten Hochlandteils erstreckt sich, etwa 1050 m hoch, das "Etoshabecken", ein dreieckiges Bassin mit einer Ausdehnung von rund 120 km in ostwestlicher und 70 km in nordsüdlicher Richtung. In seiner "großen Pfanne" fließen periodisch alle größeren Rinnsale des Ovambolandes zusammen, verdampfen während der Trockenheit und hinterlassen Salzrückstände.

Kalahari
Um die Jahrhundertwende verstand man unter Kalahari das ganze zentrale Becken Südafrikas, "soweit es von Sand bedeckt" war, ein Gebiet also, das im Norden bis an die Zambeziquellen, im Süden bis nahe an den Oranje, im Westen bis an das Ovamboland, im Osten bis zum Matabeleland reichte.
Dieser "Große Sand" Südafrikas gliederte sich in das große Nordbecken als Haupteinzugsgebiet des Zambezi und das kleinere Süd- oder Oranjebecken. Ein größerer Teil des Oranjebeckens und ein kleinerer des Zambezibeckens bildeten als wechselnd breiter Streifen den östlichen Rand der "deutschen Kalahari". In die Landschaft senken sich kesselförmig Kalksteinpfannen, in denen sich Regenwasser je nach Stärke der Niederschläge tage-, wochen- und manchmal sogar monatelang halten kann. An das südliche Sandfeld grenzt, nur undeutlich markiert, der deutsche Anteil am Zambezibecken, mit dem wasserlosen Sandfeld Omaheke als einem der Haupttrockengebiete.
Auch wenn die Karten jener Tage einen nicht unbeträchtlichen Reichtum an Rivieren zeigten, konnte Wasser doch nur vereinzelt erschlossen werden. Hunderte von Kilometern lange Strecken mit nur einer Wasserstelle machten das Reisen beschwerlich. Näher zum Okavango hin wurde die Wasserversorgung besser. Dort führten langgestreckte Betten auch während eines Teils der Trockenmonate Wasser. Im Nordosten des Schutzgebietes, dem "Caprivi-Zipfel", bildeten die Flüsse Zambezi und Kwando ein riesiges Überschwemmungsgebiet.
Die Bevölkerung der Stromgebiete wurde seinerzeit unter dem Begriff Zambezivölker zusammengefaßt. Zu ihnen zählten die Bewohner der Sumpfländer, eine Mischung aus Buschmännern und Bantus, die in den unzugänglichen, kaum erforschten Gebieten Elefanten, Rhinozerosse, Büffel, Antilopen, Löwen und Hyänen jagten und dem Fisch- und Otternfang nachgingen. Ihnen folgten in der Übergangszone zwischen Sumpfland und Sandfeld die kulturell höherstehenden Massubia und Mambukuschu, die zusätzlich Ackerbau und Viehzucht trieben. Bunt zeigte sich das Völkerbild der sandigen Kalahari. Im nördlicheren Teil waren die Hereros ansässig, weiter südlich lebten verschiedene Nama-Stämme, durchsetzt von Bastardgemeinden.

Die Menschen

Namibia weist ethnisch eine vielschichtige Bevölkerung auf.
Die Herero, ein Viehzüchtervolk, wurden in Kriegszügen der deutschen Kolonialherren vom zentralen Hochplateau vertrieben und leben heute in den Wüstenausläufern. Viele von ihnen müssen ihren Lebensunterhalt auf den Farmen der Weißen verdienen. Zu den Hirtenvölkern zählen auch die Nama, Nachkommen der aus dem Kapland verdrängten südafrikanischen Urbevölkerung. Die Ovambo, welche die Hälfte der Bevölkerung stellen, leben im Norden des Landes, wo Ackerbau betrieben werden kann. Der äußerste Norden ist das am dichtesten besiedelte Gebiet Namibias. Die Weißen, Nachkommen deutscher Siedler oder britischer, portugiesischer und südafrikanischer Herkunft, stellen zwar nur rund 7% der Gesamtbevölkerung, bestimmen aber bis heute das wirtschaftliche und politische Leben.
Mit 1,4 Mio. Einwohnern auf einer Fläche von 824292 km², also 1,8 Einwohner pro km² gehört Namibia zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Erde. Man stelle sich die Bevölkerung von Hamburg vor, verteilt auf ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland. Trotz der geringen Bevölkerungszahl finden wir jedoch eine große ethnische Vielfalt.
Wie überall in Afrika werden auch in Namibia die verschiedenen Völker weitgehend nach ihren Sprachen differenziert. Auf die drei großen Sprachgruppen, die Bantu-, Khoisan- und indogermanischen Sprachen, verteilen sich etwa 30 verschiedene Sprachen und Dialekte. Zu den Bantu-Völkern gehören 70% der Einwohner: Ovambo, Kavango, Caprivianer, Herero und Kaokovelder sowie Tswana. Sie weisen, ebenso wie die Khoisan-Völker (Buschleute und Nama) und die Mischlinge ("Farbige" und Rehobother Baster) einen erheblichen Bevölkerungszuwachs auf. Die weiße Bevölkerung nimmt dagegen deutlich ab. Insgesamt hat sich die Bevölkerung von 1970 bis 1991 fast verdoppelt. Etwa 78000 Flüchtlinge aus Angola haben sich seit 1974/75 vor allem im Ovambo- und Kavangoland niedergelassen, viele leben auch in den Städten als Händler und Handwerker. Eine neue Welle der Zu- (bzw. Rück-)wanderung ergab sich im Zuge der Unabhängigwerdung: 1990/91 kehrten 28000 Exil-Namibier (Flüchtlinge, Verschleppte und andere) in ihr Land zurück. Die offizielle Statistik unterscheidet, je nachdem, ob die Kaokovelder getrennt aufgeführt oder zu den Hereros gezählt werden, 11 oder 12 ethnische Gruppen.
Die außergewöhnliche Heterogenität bezieht sich nicht nur auf die Sprachenvielfalt, sondern auch auf die kulturellen Traditionen. Von der Wildbeuterkultur bis zum Nomadentum, von der Selbstversorgungslandwirtschaft bis zur exportorientierten Farmwirtschaft und zum hochtechnisierten Bergbau ist alles vertreten. Das Denken des einzelnen Individuums bewegt sich durchweg in kleinem Rahmen. Man identifiziert sich vor allem mit seiner überschaubaren Verwandschafts- und Lokalgruppe, in gewisser Weise auch noch mit der Kultur- und Sprachgemeinschaft, der man angehört. Toleranz und liebevolles Verständnis für die kulturelle Eigenart aller Gruppen gehören also zu den wichtigsten Voraussetzungen einer dauerhaften Zusammenarbeit der Völker Namibias. 61% der Bevölkerung sind in der besser beregneten nördlichen Region des Landes konzentriert. Sie wohnen dort überwiegend in traditionellen ländlichen Siedlungen, nur zu etwa 5% in Städten. In der mittleren Region leben 32%, etwa zur Hälfte in Städten - davon wiederum die Hälfte in Windhoek. Die südliche Region, das Gebiet der Großfarmen, weist nur 7% der Bevölkerung auf, davon etwa 35% in Städten. Weitgehend unbewohnt ist der westliche Landesteil, die Namib, mit Ausnahme der Häfen und der Bergbauzentren.
Alle Siedlungen sind relativ jung. Aus dem Grundriß der mittleren und größeren Orte, meist ein Schachbrettmuster, ist die schematische Stadtanlage aus der Kolonialzeit gut zu erkennen. Architektonisch Sehenswertes hat eher Seltenheitswert in Namibia: Jugendstilbauten in Lüderitz, Swakopmund und Windhoek. Ansonsten herrscht eine Art "Wildweststil" vor mit dem in ganz Schwarzafrika bei allen Bevölkerungsschichten üblichen Wellblech.
Die einzelnen Völker waren von dem Eindringen der Europäer in unterschiedlicher Weise tangiert. Die Herero und die Nama haben, nachdem sie sich im 19. Jh. schon gegenseitig aufgerieben haben, unter der Kolonialherrschaft in hohem Maße gelitten. Für Buschleute, Damara und Caprivianer, soweit sie vorher in starker Abhängigkeit gelebt hatten, ergaben sich durch die Präsenz der Europäer durchaus auch positive Aspekte. Die Ovambo lebten während der Kolonialzeit weitgehend abseits. Sie leiden aber seit langem, da sie als Minenarbeiter gesucht sind, am meisten unter dem System der Kontraktarbeit, das sie für acht Monate oder mehr von ihrer Familie trennt und sie an die Arbeitsstelle bindet, wo sie meist kaserniert untergebracht sind.

Ovambo
In dem relativ gut beregneten Gebiet nördlich der Etosha-Pfanne, zwischen den Mittelläufen von Kunene und Okavango, leben die Ovambo, das größte Volk Namibias. In der ethnologischen Literatur werden sie meist - ohne die Vorsilbe - als Ambo bezeichnet. Sie sind im 16. Jh. von Nordosten her in ihr heutiges Wohngebiet Ovamboland eingewandert.
Der Sage nach stammen sie aus dem Seengebiet Ostafrikas, und manche Züge in ihrer Gesellschaftsstruktur weisen in der Tat auch auf Zusammenhänge mit Ostafrika hin: das Bestehen einer Adelsschicht, die matrilineare Erbfolge (auch im Nachfolge- und Wohnrecht gilt die mütterliche Linie), die gehobene Stellung der Mutter des Häuptlings, seiner Großmutter und seiner Schwestern, die despotische Macht des Fürsten, das heilige Feuer und vieles mehr. Auch stehen die Ovambos den Hereros in Körperbau, Hautfarbe und Gesichtszügen sehr nahe. Zur Kolonialzeit waren Verwechslungen nur dann ausgeschlossen, wenn man sich an der unterschiedlichen Kleidung orientierte: dem an schmalem Riemen getragenen Vorder- und Hinterschurz der männlichen Hereros und dem aus gegerbtem Ochsenmagen gefertigten Vorderschutz der Ovambo-Männer.
Bei der Inbesitznahme der Wohngebiete gab es zwar zwischen den einzelnen Stämmen und mit den dort lebenden Buschleuten Kämpfe, jedoch niemals mit den übrigen Bevölkerungsgruppen des Landes. Auch in die kriegerischen Auseinandersetzungen des 19. Jh. waren die Ovambo nicht verwickelt. Die ersten Europäer besuchten erst 1850 das Ovamboland. Wenn auch Ovamboland auf dem Papier Teil der Kolonie Deutschsüdwestafrika war, so war es doch faktisch bis 1915 unabhängig. 1904 hatten die Ovambo zwar Namutoni überfallen (ohne Erfolg), jedoch wurde das Ovamboland nicht besetzt. Es unterstand auch keiner Verwaltung, Polizei oder militärischen Einheit.
Ovamboland, mit 56072 km² so groß wie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zusammen, ist eine weite Ebene, etwa 1100 m ü.M. gelegen, die nach Süden zu ganz allmählich zur Etosha-Pfanne absinkt. Entsprechend verlaufen von Nord nach Süd sehr flache Gewässerrinnen (Oshana), höchstens etwa 3 m tief, nach Süden zu immer breiter werdend, mit zahlreichen Inseln. Die dazwischen liegenden Riedel tragen Trockenwaldstreifen (soweit sie nicht durch Felder genutzt werden). Dieser Trockenwald ist im Osten dichter (dort findet sich der Mukwa-Baum, der das geschätzte Dolfholz liefert), in der Mitte des Gebietes mit Makalani-Palmen. Im Westen bestehen die sehr lichten Bestände vor allem aus Mopane-Bäumen. In der Regenzeit führen die Oshanas viel Wasser, es kommt dann immer wieder zu Überschwemmungen. In der Trockenzeit kann das Vieh dort weiden.
Die etwa 650000 Ovambo in Namibia gehören acht Stämmen an, von denen die Kwanyama und die Ndonga die größten sind. Ihre Sprachen, OshiKwanyama und OshiNdonga, sind von Missionaren zu Schriftsprachen mit einer verbindlichen Orthographie entwickelt worden. Alle Ovambo-Dialekte sind untereinander recht gut verständlich. Jenseits der angolanischen Grenze leben vier weitere Stämme sowie ein Teil der Kwanyama.
In der bäuerlichen Kultur der Ovambo überwiegt, je nach der natürlichen Voraussetzung des Gebiets, Feldbau oder Viehhaltung. Die mit Palisaden oder Dornbüschen eingefriedeten Ansiedlungen (Kraal), in denen je eine Familie wohnt, liegen auf kleinen Anhöhen. Noch heute kommt Polygamie vor. Jede Frau hat mit ihren Kindern ihren eigenen Haushalt, also ihre eigene Hütte und Feuerstelle. Hauptnahrung ist Hirse, aus der Brei gekocht und nahrhaftes Bier gebraut wird. Angebaut werden neben Hirse Bohnen, Kürbisse, Erdnüsse, neuerdings auch Reis. Der Ackerbau ist Sache der Frauen, besonders soweit noch der traditionelle Hackbau betrieben wird, ebenso das Töpfern und das Flechten von Korbwaren aus Blättern der Makalani-Palme. Rinderhaltung und Schnitzen obliegen den Männern. Rinder wurden bis in jüngste Zeit vor allem als Milchvieh gehalten und nur bei besonderen Anlässen geschlachtet. Neuerdings werden sie auch in die Fleischfabrik von Oshakati geliefert. Ziegen und Hühner gehören dagegen zur ständigen Nahrung. In der Regenzeit werden in den Flüssen mit Netzen und Reusen Fische, besonders Welse, gefangen.
Durch moderne Einflüsse ist die Selbstversorgungswirtschaft aufgebrochen worden. Ein neuer, 250 km langer Kanal vom Kunene her garantiert die Wasserversorgung für Mensch und Vieh. Die Geldwirtschaft hat Einzug gehalten, nicht zuletzt durch die Wander- und Kontraktarbeit.
Bis zur Unabhängigkeit Namibias hatte das Ovamboland eine gewisse Autonomie. Der Oberhäuptling des größten Stammes, der Kwanyama, war traditionsgemäß Präsident des Parlaments, in dem die Stammesältesten vertreten waren.
Die Missionare, "erste Kundschafter des Ovambolandes", stellten schon bald fest, daß die Ovambos, anders als die Hereros, auf ihren Äckern nur Lehnsleute des jeweiligen Häuptlings waren. Ihm gehörten Grund und Boden, ohne seine Erlaubnis durfte Land nicht urbar gemacht werden. Wollte er sich eines unbequemen Nachbarn entledigen, so war das denkbar einfach. Er entzog dem Unerwünschten die Hacke. Auf Bezirksebene haben die Häuptlinge auch heute noch eine gewisse Funktion. Grund und Boden gehören dem Stamm, aber der Häuptling ist befugt, zur landwirtschaftlichen Nutzung Besitzrecht auf Lebenszeit zu verkaufen.

Herero
Die Herero werden "körperlich sowohl als auch in ihrem Geistesleben" der Bantu-Familie zugeordnet. Sie sind größer gewachsen als die Ovambo und Kavango, haben einen ausgeprägt stolzen Charakter und sind ihrer traditionellen Wirtschaftsform nach ausschließlich Rinderhirten. Das ist außergewöhnlich unter den Bantu-Völkern. Fast alle anderen treiben zusätzlich oder vorwiegend Ackerbau. Man nimmt heute an - und das läßt sich durch den Vergleich einzelner Kulturelemente belegen -, daß die Vorfahren der Herero zu den osthamitischen Rindernomaden gehörten, die in das ostafrikanische Zwischenseengebiet eindrangen, die Sprache der dort ansässigen, Feldbau treibenden Bantu annahmen, jedoch an ihrer Rindernomadenkultur festhielten und später ihre Wanderung durch den Kontinent fortsetzten. Die Herero sind demnach näher mit den Maasai (Kenia) und den Amhara (Äthiopien) verwandt als mit ihren heutigen Landsleuten aus der Familie der Bantu-Völker.
Die äußere Erscheinung der Hereros beeindruckt durch die hohe Gestalt. Die Physiognomien näherten sich zuweilen der damals so genannten "edlen, europäischen Norm". Was jedem Hererogesicht eine ungewöhnliche Note gab, war das Zahnzeichen: die künstliche Zuspitzung der oberen Schneidezähne. Sämtliche unteren Schneidezähne wurden zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr bei einer kultähnlichen Zeremonie ausgebrochen.
Seit wann die Herero im heutigen Namibia leben, ist nicht genau bekannt. Möglicherweise sind sie schon um 1550 in das Gebiet am unteren Kunene (heute Südangola und Nordnamibia) eingewandert. Kleine Gruppen wie die Himba und Tjimba sind bis heute dort geblieben und haben Lebensformen der damaligen Zeit bewahrt. Während die Mbanderu (Ost-Herero) auf einer weiter östlich verlaufenden Route Mitte bis Ende des 17. Jh. in die westliche Kalahari gelangten, wo sie heute noch leben, breiteten sich die eigentlichen Herero um etwa 1750 nach Süden aus. Sie unterdrückten die dort lebenden Buschleute und Damara und drangen ins Groß-Namaland vor, wo sie in Konflikt mit den Nama gerieten, mit denen sie sich dann ein Jahrhundert lang bekriegten. Dabei konnten sie zeitweilig die Vorherrschaft erringen, waren jedoch auch einmal dem völligen Untergang nahe.
Zu Beginn der Kolonialzeit war, hier wie in anderen Landschaften, über Sitten und Gebräuche nur wenig bekannt. Kaum jemand wußte etwas von Opferdienst und Ahnenkult, von Verwandtschaftsnormen und Familienleben der Eingeborenen. Und das mit Überheblichkeit gepaarte Überlegenheitsgefühl des weißen Mannes tat ein übriges. "Nicht böser Wille, sondern beschränkte Geringschätzung, mit dem Wohlgefühl unserer kulturellen Übermacht gepaart, hat uns über die elementare Gewalt eines Naturvolkes, das um seine Freiheit von je her eifersüchtig besorgt war, völlig im unklaren gewiegt, bis die Katastrophe von 1904 (gemeint: Krieg der deutschen Schutztruppe gegen Hereros und Namas) uns weckte." Diese Einsicht kam 20 Jahre zu spät.
Als ihr Lebensraum durch die deutsche Besiedlung immer mehr eingeengt wurde, erhoben sie sich 1904 gegen die deutsche Kolonialmacht. Ihre Niederlage in der Schlacht am Waterberg mündete in eine Katastrophe, die fast den Untergang des Volkes bedeutet hätte. Nur ein Viertel überlebte, Zehntausende verdursteten bei der Flucht ins Betschuanaland in der wasserlosen Omaheke, ihr Stammeseigentum wurde konfisziert, die Rinderherden, Mittelpunkt ihrer Kultur, wurden ihnen genommen, und es war ihnen eine Zeitlang verboten, Großvieh zu halten. Sie mußten sich als Farmarbeiter und Hausbedienstete verdingen. Damit kam es auch zum Zerfall ihres religiösen Lebens, nämlich des Rinderkults und der damit eng verknüpften Ahnenverehrung - für die Herero sind Rinder und Ahnen Spender von Leben und Lebenskraft. Ihr heiliges Feuer erlosch. Die Herero wurden physisch und psychisch heimatlos. Der Familienzusammenhalt zerbrach, die Frauen traten in Gebärstreik.
Erst das Jahr 1923 wurde zu einem Neubeginn, als der Leichnam des im Betschuanaland gestorbenen letzten Oberhäuptlings Samuel Maherero nach Okahandja überführt wurde. Das Ahnenfeuer, Sinnbild der Gegenwart der Vorfahren, wurde wieder entzündet. Seither wird jedes Jahr am Sonntag nach seinem Begräbnistag (23. August) an den Ahnengräbern in Okahandja der Nationalfeiertag der Herero begangen.
Ursprünglich kannten die Herero kein erbliches, institutionalisiertes Häuptlingstum. Persönliche Tüchtigkeit, sichtbar im Viehreichtum, verhalf zur Gefolgschaft innerhalb der Sippe. Nicht durch eine gemeinsame Oberherrschaft wurden die Sippen zusammengehalten, sondern durch ein kompliziertes Netz von sozialen und verwandtschaftlichen Bindungen. Erst durch den Kontakt mit den Nama und Oorlam (und mit deren effektiver Kriegsführung), auch durch den Einfluß der Europäer, die einen Häuptling als Ansprechpartner voraussetzten, bildete sich eine Art Häuptlingstum heraus. Das jedoch muß wiederum im Zusammenhang mit der Ahnenverehrung, Kern der Hererokultur, gesehen werden. Von den Ahnen ist das Leben ausgegangen, und nach dem Glauben der Herero beeinflussen sie es ständig als "lebende Tote". Den Worten und Taten eines Sterbenden wird große Macht zugeschrieben. So ist auch die Verehrung für die Häuptlinge der Maharero-Dynastie zu erklären (deren Charaktere nach unseren Maßstäben nicht ganz unzweifelhaft waren).
Weniger als die anderen ethnischen Gruppen im Lande konnten sich die Herero mit dem Gedanken anfreunden, sich auf die ihnen zugedachten Reservatsgebiete im Osten (Hereroland) zu beschränken. Die Rinderzucht, Schwerpunkt im Wirtschaftsleben der Hereros, und die abgöttische Liebe zu ihren Tieren erklärten den glühenden Haß, der die Bestohlenen zu bestialischen Grausamkeiten gegenüber ertappten Dieben hinriß. Nach ihrer traditionellen Auffassung gibt es keine Grenzen. Das Land war nach Hererorecht Eigentum des ganzen Volkes, jedermann zur Nutznießung der Weiden und des Wassers freigegeben, ließ sich also nicht erwerben. Bei Zwistigkeiten mit anderen Gruppen siegte der Stärkere. Dieses Verhältnis zum Grund und Boden änderte sich zwangsläufig unter dem Druck der Kolonisten. Zum einen gingen diese irrtümlich davon aus - so z.B. Adolf Lüderitz -, daß der Häuptling Landeigentümer war und behandelten ihn als solchen. "Unsere Unkenntnis des Hererorechts" hatte zur Folge, daß "jede uns geläufige Eigentumserwerbung... durch einen Weißen dem Herero als Rechtsbruch erscheinen mußte." Zum anderen war es schließlich die fortschreitende Einengung ihres Lebensraumes, die u.a. den Aufstand auslöste.
Heute leben die Herero über den ganzen mittleren Landesteil verstreut, besonders in Windhoek. Die Herero identifizieren sich stark mit Namibia. Bei den in Botswana lebenden Sippen gibt es seit Jahren Bestrebungen, nach Namibia auszuwandern. Vielen ist die Rückkehr bereits geglückt, auch ohne Förderung von offizieller Seite - die namibische Regierung scheint durch die Rückkehrer eine Stärkung der Opposition zu fürchten.
Gelegentlich sieht man die Kartenumrisse des Landes als Muster auf den farbenprächtigen Stoffen der Hererofrauen. Ihre Tracht ist der Kleidung der deutschen Missionarsfrauen der Jahrhundertwende nachempfunden und besteht aus einer hochgeschlossenen, langärmeligen Bluse, einem Glockenrock und zahlreichen (acht bis zehn!) Unterröcken. Die Frauen schneidern weitgehend selbst und haben meist eine eigene Nähmaschine. Für eines dieser Gewänder benötigen sie 10 m Stoff und mehr. Der Südwester Volksmund erklärt augenzwinkernd, warum die ersten Missionarsfrauen den Hererofrauen das Schneidern beibrachten: sie ärgerten sich über die wohlgefälligen Blicke ihrer Männer auf die gutgewachsenen, wenig bekleideten Gestalten.
Vielfach tragen auch Damarafrauen solche Kleider, jedoch erkennt man die Hererofrauen an ihrer Haube: ein Kopftuch ist kunstvoll so drapiert, daß seitlich zwei Ecken weit herausragen - eine Andeutung von Rinderhörnern, die ähnlich in dem ursprünglichen Lederkopfputz vorhanden war.
Die Stämme im Kaokoveld leben weitgehend unberührt von westlicher Zivilisation. Während die Tjimba sich hauptsächlich vom Sammeln und von der Jagd (mit Pfeil und Bogen) ernähren, ziehen die Himba mit ihren Rinder- und Ziegenherden von einer Wasserstelle zur andern. Sie stellen - ebenso wie die zu den Fulbe gehörenden Wodaabe (Sahel) und die Maasai (Kenia) - eines der letzten traditionellen Hirtenvölker im modernen Schwarzafrika dar. Ihre Viehherden sind bis heute Mittelpunkt ihrer Glaubensvorstellungen und ihrer heiligen Handlungen. Besonders die Frauen und Kinder schmieren sich mit einer Mischung aus rotbrauner Erde und Fett ein. Als Kleidung dienen Lendenschurze aus Fell. Die Frauen schmücken ihre Unterarme mit Kupferspiralen; Ketten aus handgeschmiedeten Eisenperlen sind als Halsschmuck zu dicken Wülsten zusammengewunden, als Beinschmuck gamaschenartig von den Fesseln bis über die Waden gewickelt. Die Bedrohung durch die Guerrilla-Tätigkeit der SWAPO und die Dürreperiode 1979-86 bewogen jedoch viele, sich im Schutz der Militärposten und um die vom staatlichen Wasserwesen errichteten Brunnen niederzulassen, wo sie durch öffentliche Hilfe versorgt wurden.
Die allen Herero gemeinsame Sprache OtjiHerero ist sehr klangvoll durch viele, vorwiegend dunkle Vokale. Sie weist keine ausgeprägten Dialekte auf. Heute ist sie Schriftsprache mit einheitlicher Schreibweise und eigener Literatur.

Kavango
Die fünf Kavango-Stämme wohnen überwiegend am Ufer des mächtigen und wasserreichen Okavango, früher mehr auf der Nordseite (auf angolanischem Gebiet), heute mehr auf der Südseite. Im Westen leben die Kwangari, anschließend die Mbunza, um Rundu und Sambiu die Sambiu, weiter östlich die Gciriku und ganz im Osten, am Übergang zum Caprivi-Zipfel, die Mbukuschu. Diese praktizieren nach wie vor eine Art Königtum und gelten als die konservativsten der Kavango-Stämme. Die übrigen Stämme haben die Sprache der Kwangari mehr oder weniger als Verkehrssprache akzeptiert.
Seit etwa 1750 bewohnen die Kavango Teile ihres heutigen Gebiets und haben es seither verstanden, abseits der kriegerischen Unruhen ein ruhiges und selbstzufriedenes Leben in ihrem weltabgeschiedenen Land zu führen. Freilich bietet auch der Norden Namibias günstigere klimatische Voraussetzungen als der Westen oder Süden. In der fruchtbaren Überschwemmungsebene des breiten Okavango treiben die Kavango-Frauen Hackbau, besonders Hirse und Mais. Die Männer kümmern sich um das Vieh und fertigen Schnitzarbeiten aus Dolfholz. Bei vielen Frauen sind die Schneidezähne spitz zugefeilt. Zu feierlichen Anlässen tragen sie eine kunstvolle Haartracht, in die Perlen und Kaurischnecken eingearbeitet sind. In den Dörfern (Kraale) leben mehrere Familien. Über die Sippenzugehörigkeit entscheidet die mütterliche Linie. In jedem der fünf Stämme gibt es ein erbliches Häuptlingstum (Mann oder Frau), von Beratern unterstützt und weitgehend in die Regionalverwaltung integriert.

Tswana
Die Wohngebiete dieses Bantu-Volks liegen vor allem in Botswana und Südafrika. Die namibischen Tswana sind erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus dem Kapland zugewandert. Da sie katholisch missioniert worden waren, forderten sie katholische Missionare an - und erst daraufhin wurde der Katholischen Kirche erlaubt, in Südwestafrika tätig zu werden. Die Tswana leben nordöstlich und südöstlich von Gobabis, direkt an der Grenze Botswanas, soweit sie nicht auf Farmen oder in den Städten, besonders in Windhoek arbeiten. Die Wirtschaftsform der Tswana umfaßt Viehwirtschaft (früher halbnomadisch) mit Gartenbau. Beides praktizieren sie in Zusammenarbeit mit den Missionaren, denen sie sehr verbunden sind. Sie sind heute weitgehend akkultriert, also in ihrer Umgebung aufgegangen.

Caprivianer
Die Stämme im Ostteil des Caprivi-Zipfels (Ostcaprivi), durch die politisch-territoriale Entwicklung von ihren Nachbarn getrennt, bilden nun eine eigene Volksgruppe innerhalb Namibias. Sie gehören ebenfalls zur Bantu-Sprachfamilie, sind jedoch sprachlich näher verwandt mit den Lozi in Sambia als mit ihren westlich benachbarten Landsleuten Kavango und Ovambo. Daher wird im Verwaltungs- und Schulwesen von Ostcaprivi neben Englisch die Lozi-Sprache verwendet; im übrigen werden verschiedene Mundarten gesprochen.
In den 60er Jahren, als die SWAPO noch von Sambia aus operierte, war der Caprivi-Zipfel Hauptarena im Guerillakrieg. Später verlegten sich die Aktivitäten der Guerilla an die Grenze des inzwischen unabhängigen Angola, und seither leben die Caprivianer wieder recht abgeschieden nach ihren alten Stammestraditionen. Dem obersten Häuptling stehen eine Art Premierminister sowie eine Anzahl von Ratsleuten zur Seite, denen die lokalen Häuptlinge untergeordnet sind.

Buschleute
Die Buschleute unterscheiden sich deutlich von den negriden Völkern. Sie haben eine hellere, gelbe bis braune Hautfarbe, sind im Durchschnitt nur 1,55 m groß und haben einen grazilen Körperbau mit zierlichen Gliedmaßen. Typisch ist die Anlage zu Fettsteiß und Faltenbildung. Ihr krauses kurzes Kopfhaar ist nicht gleichmäßig verteilt, sondern wächst büschelförmig ("Pfefferkornhaar").
Die Bezeichnung "Buschleute" oder "Buschmänner" geht auf die Buren zurück. "Bosjemans" nannten sie die Leute, die hinter "Bosjes" wohnten, also hinter den zusammengeflochtenen Zweigen, die ihnen als Windschirme dienen. Die Buschleute selbst haben keine Bezeichnung für sich. Im Hottentottischen heißen sie "San", und da sie anthropologisch und sprachlich eng mit den Khoi-Khoin verwandt sind, werden sie mit diesen zusammen von den Sprachforschern als Khoisan-Völker, von den Anthropologen als Khoisanide bezeichnet.
Die Buschleute waren früher über das gesamte südliche Afrika verbreitet. In den letzten Jahrhunderten wurden sie von Bantu und Weißen in ihrem Lebensraum stark eingeengt. Heute leben Buschleute als Jäger und Sammler nur noch in der unwirtlichen, wasserarmen Trockensavanne der Kalahari. Dort waren sie relativ lange ungestört und haben sich hervorragend an ihre Umwelt angepaßt. Sie ernähren sich ausschließlich von Tieren und Pflanzen, die sie in diesem Biotop finden, mit Pfeil und Bogen erlegen oder mit dem Grabstock ausgraben. Da jedoch die eßbaren Dinge in der Trockensavanne spärlich verteilt sind, ist die Gruppe ständig innerhalb ihres Reviers unterwegs.
Eine zusammenlebende Gruppe umfaßt 30 - 60 Angehörige, meist 10 - 15 Familien. Innerhalb der Gruppe gibt es keine scharfe Rangordnung. Der Älteste oder Erfahrenste übt die Kontrolle über das Territorium aus. Alle Erwachsenen nehmen an den Beratungen teil, wobei die alten Männer und Frauen das entscheidende Wort führen. Der Einzelne, ob Mann oder Frau, wird wegen seiner individuellen Fähigkeiten geachtet. Zwischen den Geschlechtern herrscht Arbeitsteilung; dem Mann obliegt die Jagd, der Frau das Sammeln von Eßbarem und Feuerholz sowie die Betreuung der Kinder. Jede Familie ist in der Lage, alles Lebensnotwendige selbst zu erwerben und zu produzieren: Bekleidung, Hausgerätschaften, Waffen und Unterkunft. Die Buschleute gehen mit dem Wenigen, was die Natur ihnen bietet, sehr sparsam um, sammeln und jagen nicht mehr als sie unbedingt brauchen und lassen stets so viel zurück, daß Neues nachwachsen kann. Um im Gleichgewicht mit der Natur zu bleiben, halten sie die Größe ihrer Gruppen durch Geburtenregelung konstant.
Das Leben als Wildbeuter läßt den Buschleuten genügend Zeit zur Muße und zu geselligem Beisammensein. Sie sind künstlerisch und musisch begabt, hingebungsvolle Musiker und ausgezeichnete Erzähler. Singen und Tanzen nehmen im Trancetanz Formen eines religiösen Rituals an. Ihre Mythologie läßt den Glauben an einen Schöpfergott erkennen. Tote und Gespenster werden gefürchtet, und die Gruppe verläßt den Ort, an dem jemand starb.
Glücklicherweise ist nicht Wirklichkeit geworden, was einige um Objektivität bemühte Forscher zur Jahrhundertwende voraussagten: "Die Reste, die heute noch in der südafrikanischen Wildnis streifen, werden bald von der Erde verschwunden sein. Die Vergangenheit zeigte uns den Buschmann einerseits, die Hirtenvölker andererseits (mögen es Bantu oder Buren sein) in blutige Kämpfe verwickelt, in denen Recht und Unrecht, Schuld und Sühne in wechselseitiger Überbietung sich ablösten. Das Ende kann nicht zweifelhaft sein. Der Buschmann als der schwächere nicht nur, sondern auch, weil er hoffnungslos jeder Kultur unzugänglich ist, muß unterliegen." Noch gibt es ihn, wenn auch kulturell verarmt, von Bantustämmen und Europäern dezimiert.
Von den etwa 60000 Buschleuten im ganzen südlichen Afrika leben allerdings heute nur noch etwa 5% in dieser traditionellen Kulturform. In Botswana sind sie vom Aussterben bedroht, weitgehend von den Schwarzen versklavt, ohne Widerstandskraft gegen Geschlechtskrankheiten und Tuberkulose. Im Süden Angolas haben wohl keine Buschleute überlebt, als sie nach dem Rückzug der portugiesischen Armee, von der sie sich als Buschkrieger hatten anheuern lassen, der Vergeltung der Rebellen ausgesetzt waren oder zwischen die Fronten der rivalisierenden Befreiungsbewegungen gerieten. Die meisten Buschleute, etwa 36000, leben heute in Namibia, und zwar im Nordosten und Osten im Bereich der Kalahari, besonders im Buschmannland, als dessen zentraler Ort sich Tsumkwe entwickelt hat. Die meisten arbeiten auf Farmen der Weißen und der Bantu. Nur noch 300 - 400 namibische Buschleute bestreiten ihren Lebensunterhalt ausschließlich als Jäger und Sammler.
Die Buschleute waren hochgeschätzt als Kämpfer im Buschkrieg gegen die SWAPO. Sie verstehen es meisterhaft, Fährten zu lesen, falsche Fährten und Hinterhalte zu legen und eigene Fährten zu verwischen. Ihre Überlebenstechnik ohne Wasser- und Nahrungsvorräte, ihre Ausdauer und Naturkenntnis ist unübertroffen. Im Caprivi-Zipfel wurden daher etwa 3000 Buschleute von der südafrikanischen Armee ausgebildet - auch an modernen Waffen. Ein Teil von ihnen ist nach der Unabhängigwerdung nach Südafrika übersiedelt.

Nama
Die Nama sind von etwas größerer Gestalt als die Buschleute, denen sie im übrigen in anthropologischer Hinsicht ähnlich sind. Kennzeichen der nur mittelgroßen Hottentotten sind das gekräuselte Büschelhaar, die faltige Haut, die auf starke Sonnenblendung zurückzuführenden Schlitzaugen und der bei älteren Frauen auftretende Fettsteiß (Steatopygie). Ihre Sprache kennt ebenso wie die der Buschleute die Klick- oder Schnalzlaute.
Die Nama sind die größte überlebende Gruppe der Khoi-Khoin (Mensch-Menschen), die bei uns als Hottentotten bekannt sind. Den Namen Hottentotts (Stotterer) hatten ihnen die Holländer, die ihnen um 1650 am Kap der Guten Hoffnung begegnet waren ihrer Sprache wegen gegeben. Sie bewohnten einst weite Teile des südlichen Afrika, wurden jedoch im 19. Jh. durch Kriege und Infektionskrankheiten (vor allem Pocken) dezimiert; teilweise haben sie sich auch mit den Weißen vermischt.
Entstanden sind die Khoi-Khoin möglicherweise durch eine frühe Verbindung von Buschleuten und hamitischen Hirtenvölkern in Ostafrika. Ihre Lebensweise war eine Kombination aus Nomaden- und Wildbeutertum. Sie hielten Großvieh - Langhornrinder -, sowie Fettschwanzschafe und Ziegen. Hauptnahrungsmittel war saure Milch. Die Männer gingen zur Jagd, und die Frauen sammelten Nara-Melonen, deren Kerne sehr fetthaltig sind, Wurzeln und anderes Eßbaren (Veldkost). Ihr Lager bestand aus einem Kreis von zerlegbaren Kuppelhütten aus Matten, über einem Gestänge befestigt.
Die Einwanderung der Nama ins Gebiet des heutigen Namibia erfolgte wohl von Süden her - ein Teil, die Klein-Nama, war im Kapland geblieben. Sie bekämpften die dort lebenden Buschleute, und gegen Ende des 15. Jh. beherrschten sie das Land bis zur Etosha-Pfanne. Zu Beginn des 19. Jh. kamen aus dem Kapland, von den europäischen Siedlern verdrängt, fünf Nama-Gruppen ("Kommandos") über den Oranje. Diese hatten z.T. burisches Blut, kannten die kapholländische Sprache, die europäische Lebensweise und den Gebrauch von Schußwaffen und Pferden. Sie nannten sich "Oorlam", was in etwa erfahrene, schlaue Burschen bedeutet. Zu ihnen gehörten die Sippen der Afrikaaner und der Witbooi. Sie kämpften während des ganzen 19. Jh. teils gegen die Groß-Nama, teils mit ihnen gegen die Herero. Der Unterschied zwischen Oorlam und den übrigen Nama ist heute verwischt.
Im Gegensatz zu den Buschleuten haben die Nama eine Stammesorganisation. Der Häuptling - in Erbfolge - wird unterstützt von einer Gruppe von Ratgebern. Es gab berühmte Führerpersönlichkeiten wie Jonker Afrikaaner (1795 - 1861) und Hendrik Witbooi (1834 - 1905). Im Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft (1904 - 07) mußten die Nama schwere Verluste hinnehmen.
Um Vieh, Weiden und Wasser lieferten sich die Namas des Groß-Namalandes erbitterte Stammesfehden. Vieh mußte, sollte es am Leben erhalten werden, oft wochen- und monatelang über weite Strecken getrieben werden. Ganz im Gegensatz zu den Hereros jedoch gaben sich die Namas mit der Viehzucht keine allzu große Mühe. "Lieber treibt er seine Herde an die Tränke des Nachbarn, als daß er die seinige vertieft; lieber sucht er mit kühnem Handstreich Vieh zu rauben, wenn ihm das seine krepiert, als daß er mit Bulle und Kuh von neuem anfängt. Zu frohem Beutezug findet sich die Familie schnell bereit..."
Heute leben die meisten Nama in dem Gebiet zwischen Keetmanshoop und Gibeon (Namaland); viele arbeiten auf Farmen, besonders als Hirten von Karakulherden.
Seit Mitte des 19. Jh. tragen die Nama europäische Kleidung; viele Frauen haben, ebenso wie bei den Herero, die wilhelminische Tracht bis heute bewahrt.
Viele Nama weisen eine besondere Begabung für Musik und Dichtung auf. Der Ton ihrer Rohrflöten - die auch von anderen Volksgruppen übernommen wurden - leitet oft einen mehrstimmigen Chor ein, der Kirchenlieder, Preisgesänge u.a. eindrucksvoll intoniert. Andere von den Nama entwickelte Instrumente (Saiteninstrument, Trommel) gibt es heute nicht mehr.

Damara
Die Herkunft der negriden Damara ist bis heute nicht geklärt. Jedenfalls sind sie schon länger im Lande als Nama und Bantu. Ihre sehr dunkle Hautfarbe ließ manche Forscher vermuten, daß sie mit den Sudanvölkern verwandt sind. Auch glaubte man, Reste ihrer ursprünglichen Sprache ausmachen zu können, die diese Hypothese stützen. Seit sehr langer Zeit sprechen die Damara, ebenso wie die Nama, Dialekte aus der zentralen Khoisangruppe.
Richtig müßte man sie eigentlich Dama nennen - Damara ist ein Singular -, so nannten sie die Nama. Ihr alter Eigenname Nu-Khoin (schwarze Menschen) ist nicht mehr gebräuchlich. Die frühesten Berichte erwähnen sie entweder als flüchtige Gruppen, die sich in den Gebirgen östlich der Skelettküste kümmerlich durchschlugen - daher wurden sie auch "Bergdama" oder "Klippkaffer" genannt - oder aber als Sklaven, zunächst der Nama, dann der Herero. Für beide mußten sie auch Äxte und Speerspitzen schmieden, denn sie verstanden sich auf die Kunst des Eisen- und Kupferschmiedens.
Eine Stammesorganisation gab es bei den Damara nicht; die höchste soziale Ordnung war die Großfamilie (häufig polygam). Ihre alte Kultur, eine Wildbeuterkultur, ergänzt durch Gartenbau und Kleinviehhaltung, ist fast völlig verschwunden. Durch die Fürsprache von Missionaren wurde ihnen 1870 von den Herero ein eigenes Gebiet bei Omaruru übergeben; unter der deutschen Kolonialregierung kamen weitere Reservate hinzu und 1968 wurde im Sinne der südafrikanischen Homeland-Politik ein 47990 km² großes Gebiet zwischen dem Kaokoveld und der Bahnlinie Swakopmund - Usakos als Damaraland ausgewiesen. Hier wohnen etwa 25% der Damara.

Rehobother Baster
Die Baster oder Basters, wie sie sich selbst nach außen hin nennen - untereinander bezeichnen sie sich als "Burghers", also "Bürger" -, sind eines der eigentümlichsten Kleinvölker der Erde.
Es entstand im 18. /19. Jh., als burische Viehzüchter (nach der Überlieferung sollen es 40 Ahnherren gewesen sein) sich im nördlichen Kapland niederließen und Khoi-Khoin-Frauen heirateten. Sie bildeten schon dort christliche Gemeinwesen unter der Leitung protestantischer Missionare. Unter dem Druck nachrückender europäischer Siedler einerseits und dort lebender Buschleute andererseits sahen sich die Baster gezwungen, ein neues Wohngebiet ausfindig zu machen. Sie schickten 1867 Kundschafter zur Landsuche nach Norden über den Oranje. Diese fanden den verlassenen Ort Rehoboth, der 1845 als Station der Rheinischen Mission gegründet worden war. Die Verhandlungen mit den dort lebenden Swartbooi-Nama verliefen positiv, und so konnten die Baster zwischen 1868 und 1871 unter Hermanus van Wyk nach Rehoboth ziehen und nach und nach das umliegende Gebiet in Besitz nehmen. 1872 gaben sie sich eine Verfassung.
Sie verstanden es, sich aus den politischen Wirren des 19. Jh. herauszuhalten, schlossen 1885 einen Schutz- und Freundschaftsvertrag mit dem Deutschen Reich und erhielten schon damals eine Art Selbstverwaltung. Im April 1915 erhoben sie sich dann doch gegen die Kolonialmacht; der Aufstand wurde jedoch schnell niedergeschlagen. Ihre alten Autonomierechte wurden ihnen 1923 von der südafrikanischen Mandatsmacht abgesprochen, 1976 im Sinne der Apartheidspolitik jedoch wieder anerkannt. Innerhalb ihrer streng patriarchalischen Gesellschaftsordnung wurde der "Kaptein" von den männlichen Bürgern auf drei Jahre gewählt. Er ernannte zwei Kapteinratsmitglieder und bildete mit ihnen das Kabinett, das legislative und exekutive Macht hatte. Die von ihm ausgearbeiteten Gesetze mußten von einem sechsköpfigen Volksrat genehmigt werden, der alljährlich vom Volk gewählt wurde.
Die Baster gelten in der Anthropologie als klassisches Beispiel für die Entstehung einer neuen Ethnie durch Rassenmischung. Die Baster sind stolz auf ihre Sonderstellung und ihre Kultur. Manche alte Frauen tragen noch heute die traditionelle holländische Haube. Sie sprechen Afrikaans und die meisten ihrer Familiennamen deuten auf ihre burische Herkunft hin, aber auch deutsche Namen kommen vor. In ihrem nach außen recht geschlossenen Gemeinwesen bestimmt eine wohlhabendere hellerhäutige Schicht das wirtschaftliche, politische und geistige Leben. In ausgeprägtem Rassenbewußtsein grenzen sich die Baster besonders gegen die "Naturele" (Eingeborene) ab, die sie für niedrigere Arbeiten anheuern.
Die Rehobother Baster sind wohl die konservativste Volksgruppe in Namibia. Die Unabhängigwerdung des Landes beobachteten sie mit einem gewissen Unbehagen, mußten sie doch befürchten, innerhalb eines Einheitsstaates unter der Vorherrschaft der Ovambo ihre Autonomierechte zu verlieren. Die Idee einer unabhängigen Republik Rehoboth kam auf, auch ein Anschluß an die Republik Südafrika wurde erwogen. Als die SWAPO dann die Zweidrittelmehrheit verfehlte, fügte man sich in die neue Situation.

Farbige
Die heterogene Gruppe der Farbigen (Kleurlinge, Coloured), ebenfalls Mischlinge, hat insgesamt vielfältigere Vorfahren als die Baster, nämlich auch Malaien und Bantu. Ein Teil von ihnen ist ebenfalls aus dem Kapland zugewandert, allerdings erst im 20. Jh. Sie leben vorwiegend in den größeren Städten als Handwerker im Baugewerbe, als Fischer, Krankenschwestern und Lehrer und sprechen überwiegend Afrikaans. Mit den politisch aktiveren Bastern wollen sie keine gemeinsame Sache machen, wie auch umgekehrt die Baster nicht mit der weniger homogenen Gruppe der Farbigen in einen Topf geworfen werden wollen.

Weiße
Die Weißen werden von der offiziellen Statistik als eine Gruppe zusammengefaßt, jedoch bestehen auch unter ihnen Unterschiede. Die afrikaanssprachige Mehrheit und die deutsche Minderheit stehen sich ähnlich reserviert gegenüber wie Ovambo und Herero.
Bei der Volkszählung von 1981 waren von 1033200 Einwohnern 76400 europäischer Abstammung, davon etwa ein Viertel deutschstämmig. Von diesen etwa 20000 Deutschsprachigen besitzt fast ein Drittel auch die deutsch Staatsangehörigkeit.
Seit früher Zeit waren Einwanderer niederländischer Abstammung aus Südafrika als Jäger, Händler und Transportführer ins Land gekommen, auch burische Siedlerfamilien wie die "Dorslandtrekkers", die eine regelrechte Odyssee durchgemacht hatten. Sie waren im letzten Jahrhundert auf der Suche nach neuem Siedlungsland mit ihren Ochsenwagen aus dem Kapland durch die Kalahari (Durstland) über den Ngamisee und die Etosha-Pfanne zum Kaokoveld und bis Angola gezogen, von wo sie in mehreren Wellen - zuletzt 1928 und 1974/75 nach Südwestafrika zurückkehrten.
Der überwiegende Teil der Afrikaanssprachigen ist erst seit 1915 eingewandert, als im Ersten Weltkrieg die Verwaltung von Südafrika übernommen wurde. Damit setzte sich das Afrikaans als Lingua franca immer mehr durch. Bis 1989 sprachen 68% der Weißen Afrikaans als Muttersprache. Etwa 10000 südafrikanische Regierungsbeamte mit ihren Familien lebten in Namibia, viele von ihnen verließen das Land 1989 nach der Unabhängigkeit.
Der englischsprachige Bevölkerungsteil, ebenfalls seit dem Ersten Weltkrieg eingewandert, umfaßt zwar nur 7% der Weißen, doch als Sprache der Politiker und der Intellektuellen, besonders auf internationaler Ebene, hat sich englisch zur zweitwichtigsten Sprache im Lande entwickelt. Es ist nun Amtssprache des unabhängigen Namibia.
Die "Portugiesen" kamen als letzter Schub weißer Einwanderer, zur Zeit des Bürgerkriegs in Angola 1974/75 und danach ins Land. Heute wird ihre Zahl auf 4000 - 6000 geschätzt. Viele haben sich als Händler in den Städten niedergelassen. Vor allem sind die portugiesischen Lebensmittelhändler, die auch spätabends sowie Sonn- und Feiertags ihre Läden offenhalten, nicht mehr aus dem Geschäftsleben fortzudenken.


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