Kulturelle Grundlagen

Sprachen

Zur Amtssprache der neuen Republik wurde Englisch erklärt. Damit ist in Namibia der einmalige Fall eingetreten, daß ein neuer Staat sich für eine Sprache entscheidet, die weder die seiner ehemaligen Kolonialmacht noch die einer einheimischen Volksgruppe ist. Die Verfassung sieht allerdings vor, daß in bestimmten Gebieten Gesetzestexte, Verwaltungsentscheidungen und Urteile auch in anderen inländischen Sprachen veröffentlicht werden, sofern jene Sprachen dort von einem beachtlichen Anteil der Bevölkerung gesprochen werden.
Die in den meisten Landesteilen verbreitetste Umgangssprache ist Afrikaans. Es ist die Sprache der Buren, der Coloured und der Rehobother Baster. Deutsch ist von weit geringerer Bedeutung. Die in den Städten und Farmen lebenden Nichtweißen können sich im allgemeinen in einer oder mehreren der europäischen Sprachen verständigen. Innerhalb ihrer Volksgruppe bedienen sie sich natürlich ihrer eigenen Sprache. Die größte Sprachgruppe bilden die Bantu-Sprachen; mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung spricht die Ovambo-Sprachen Kwanyama und Ndonga als Muttersprache. Nama, Buschleute und weitgehend auch Damara sprechen Khoisan-Sprachen. Unter den Nichtweißen hatte die Herero-Sprache zeitweilig die Stellung einer Lingua franca, da die Herero in fast allen Landesteilen leben.

Bildung

Seit dem 1.4.1991 gibt es in Namibia ein einheitliches Bildungssystem für alle Bevölkerungsgruppen. Das frühere, nach Ethnien getrennte Erziehungssystem, das 1970 von Südafrika auf Namibia übertragen worden war, wurde abgeschafft. Anstelle von bislang 11 Bildungsbehörden gibt es nun ein Ministerium für Erziehung und Kultur und ein weiteres für Jugend und Sport. Die Bildungsausgaben wurden im ersten Budget der neuen Regierung kräftig erhöht.
Schulpflicht besteht für alle Kinder vom 7. bis zum 16. Lebensjahr. Bei der Weite des Landes ist es jedoch in der Praxis schwierig, überall für die verstreut lebenden Gruppen Unterrichtsmöglichkeiten zu schaffen. So sind immer noch mehr als ein Viertel aller Nichtweißen Analphabeten. Allerdings hat sich deren Quote deutlich verringert. Das ist nicht zuletzt Verdienst der vielen Farmschulen, die in privater Initiative von Farmern eingerichtet wurden und inzwischen auch staatlich anerkannt sind.

Kunst

Literatur
Namibia ist noch auf der Suche nach einer eigenen kulturellen Identität. Vorurteile behindern bisher das Entstehen eines fruchtbaren multikulturellen Lebens. Das gilt in besonderem Maße für die Literatur. Anders als in den Nachbarländern hat in Namibia die Literatur im Befreiungskampf nur eine geringe Rolle gespielt. Die in diesem Umfeld v.a. im Exil publizierten autobiographischen Berichte und die Aufrufe in Gedichtform beeindrucken weniger durch literarische Qualität als durch ihre Aussagekraft.
Die einzelnen einheimischen Völker Namibias besitzen eine sehr reiche orale Literatur, d.h. ein Erzählgut, das durch Jahrhunderte weitergegeben wurde. Es handelt sich um vielseitige, feinsinnige Dichtung, welche Empfindung und Sinngehalt über die Schranken von Sprache und Kultur hinweg vermittelt. Erst seit etwa Mitte des 19. Jh. sind die Legenden aufgezeichnet worden. Leider wurde dabei, dem europäischen Geschmack entsprechend, manchmal eine Moral unterlegt im Sinne einer Polarität von Gut und Böse, was der Absicht der Originalerzählung keineswegs entsprach. Die Texte liegen heute jedoch in einer weitgehend bereinigten Fassung vor.
Eine typisch afrikanische, bis heute fortgeführte Tradition ist das Preisgedicht. Namibische Elogen beziehen sich vor allem auf Persönlichkeiten und Ortschaften, seltener auf Tiere. Mit ihren Anspielungen auf Begebenheiten geben sie dem Uneingeweihten Rätsel auf, bei dem Kenner des Umfeldes wecken sie dagegen vielfältige Assoziationen und somit Begeisterung. Berühmt wurden die Hymnen auf Hendrik Witbooi und Jonker Afrikaaner, die damals zunächst oral tradiert wurden.
Die Vielzahl deutscher Kolonialromane und Erlebnisberichte eher trivialer Art, vorwiegend erst nach der deutschen Kolonialzeit entstanden, geben nicht nur Einblicke in die Mentalität der Weißen und in das historische Geschehen, sondern lassen auch erkennen, in welchem Maße sie vom Erlebnis der afrikanischen Landschaft geprägt worden sind. Am erfolgreichsten sind paradoxerweise die Autoren, die kaum jemals im Land gewesen waren.
Als erstes größeres Prosawerk eines namibischen Autors deutscher Sprache gilt der Roman "Land der wasserlosen Flüsse" des 1958 in Windhoek geborenen Giselher W. Hoffmann (1989). Hauptthema der abenteuerlichen Handlung ist der Zusammenstoß der so unterschiedlichen Kulturen, vor allem der Kulturschock, dem die Buschleute zwangsläufig ausgesetzt sind. Ihre Kultur ist mit großer Sachkenntnis und sehr einfühlsam beschrieben.
Noch jünger ist das Werk einer bisher unbekannten Autorin aus dem Ovamboland: Ndamononghenda Haikela schrieb einen Roman über die Frauen im Befreiungskampf in der Ovambosprache Kwanyama, der bei der Verleihung des Bertrams VO Literary Award der University of Western Cape (Südafrika) ausgezeichnet wurde.

Architektur
Sieht man einmal von Befestigungsanlagen der Nama aus dem 18. Jh. ab, die 1987 im Süden entdeckt aber bisher noch nicht genauer erforscht wurden, sind die in der deutschen Kolonialzeit errichteten Gebäude die ältesten Massivbauten im Lande. Sie haben bisher das Erscheinungsbild vieler Orte geprägt. Zum Teil spiegeln sie die in der wilhelminischen Kaiserzeit in Deutschland üblichen Stile wider wie z.B. Jugendstil. Daneben wurden, den klimatischen Erfordernissen gehorchend, Elemente angefügt, besonders Pultdächer und Veranden.
Der durch Kunst- und Kulturreisen verwöhnte Mitteleuropäer wird allerdings in der Regel auf den ersten Blick überhaupt nichts Sehenswertes entdecken, nur eine Art "Wildweststil" mit dem in ganz Afrika bei allen Bevölkerungsschichten üblichen Wellblechdach. Erst auf den zweiten Blick und wenn sich das Auge durch die Kargheit des Landes geschärft hat, wird er seine Freude an manchem Gebäude und vielen Details wie Giebel oder Erker haben.

Felsbilder
Namibia ist besonders reich an Felsbildern. Bisher sind 20000 Malereien und 15000 Gravierungen gefunden worden, viele davon sind noch nicht registriert und dokumentiert. Die Fundstellen liegen in der bergigen Randabdachung zwischen Hochland und Namib sowie in anderen Gebirgen.
Dieser größte Schatz der bildenden Künste in Namibia ist oft, wie auch im übrigen südlichen Afrika, als Buschmannkunst bezeichnet worden. Nach Augenzeugen des 18. und 19. Jh. sowohl aus Süd- wie aus Südwestafrika waren nämlich zweifelsfrei Buschleute Schöpfer neuer Felsbilder, und sie haben sicher die meisten der jüngeren Werke geschaffen. Inzwischen ist es jedoch gelungen, viele Felsbilder zu datieren. Dabei hat man festgestellt, daß ein Großteil von Volksgruppen stammt, die vor den Buschleuten hier lebten.
Die ältesten Bilder auf dem Boden Namibias sind bemalte kleine Steinplatten, etwa 25000 Jahre alt und somit die ältesten bekannten Kunstwerke Afrikas. Sie gehören mit einigen eiszeitlichen Funden von der Schwäbischen Alb zu den ältesten Kunstwerken der Erde. Nach dem heutigen Stand der Forschung stammen diese frühen künstlerischen Äußerungen von Menschen, die nicht direkte Vorfahren irgendeiner heute im südlichen Afrika lebenden Bevölkerungsgruppe sind. Die dargestellten Motive und Funde von Gegenständen in der Umgebung lassen darauf schließen, daß es sich um wandernde Jäger gehandelt hat. In dem seit der Herstellung der ältesten Bilder vergangenen Zeitraum gehörten die jeweiligen Künstler verschiedenen Kulturen an, die es noch zu identifizieren gilt. Nach den Ureinwohnern waren es vielleicht noch andere Kulturen, später Buschleute und Damara, schließlich auch Bantu.
Genauso unsicher wie die Urheberschaft ist der Sinngehalt der Bilder. Während europäische Forscher durchweg vom magisch-religiösen Hintergrund überzeugt sind, sprechen andere von einer Darstellung historischer Ereignisse. Bei manchen jüngeren Bildern ist dies sicherlich der Fall. Man sollte jedoch auch durchaus die Möglichkeit der völligen Zweckfreiheit (L’Art pour l’art) in Betracht ziehen.

Holzschnitzerei
In Namibia fehlt die Tradition einer Holzschnitzkunst, wie sie in vielen anderen afrikanischen Ländern, vor allem in dem die Waldlandbauern umfassenden "Kunstgürtel", existiert. Die heute in Nordnamibia für den Fremdenverkehr produzierten Schnitzereien gehen zurück auf aus Angola eingewanderte Schnitzer. Ihres religiös-kulturellen Zusammenhangs beraubt, ist diese Schnitzerei zur Airport Art geworden. Stücke, die noch etwas von der früheren Kraft spüren lassen, sind selten.

Zeitgenössische Kunst
Unter den modernen Künstlern konnten einige internationales Ansehen gewinnen. Als bedeutendster schwarzer Künstler gilt John Ndevasia Muafangejo (1943-87). In einer Missionsschule im Ovamboland entdeckte man seine künstlerische Begabung und schickte ihn zur Ausbildung in die Kunstschule Rorkes Drift (Natal, Südafrika). Dort erlernte er die Technik des Holz- und Linolschnitts. Später lebte und arbeitete er in Windhoek. Die Themen seiner plakativen, schwarzweißen Bilder sprechen von sozialem Engagement. Sie stehen vielfach in Beziehung zur Bibel und zu den Stammestraditionen der Kwanyama und deren Überfremdung durch europäischen Einfluß.


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