Lebensgrundlagen

Verkehrs- und Nachrichtenwesen

Bis über die Jahrhundertwende hinweg wurden für den Transport von Personen und Frachten vorwiegend zwei Verkehrsmittel benutzt. Der von den Buren eingeführte Ochsenwagen war ein ungefedertes, hochgebautes Gefährt, mit dem auch unebenes, klippiges Gelände überwunden werden konnte. Es wurde, je nach örtlichen Gegebenheiten, von 10 - 20 Ochsen, die zu zweit an eine lange Zugkette gespannt waren, gezogen. Die zweirädrige, später gefederte Karre war ein beweglicheres Fahrzeug, vor dem Pferde oder Maultiere gingen.
Im Verlauf des Hereroaufstandes, der 1904 ausbrach, mußte die Leistungsfähigkeit dieses Frachtfahrersystems "ad maximum" gesteigert werden. Für Provianttransporte zwischen Lüderitzbucht und Kubub wurden von den Kanarischen Inseln 500 Dromedare eingeführt, die Versorgung von Keetmanshoop erforderte 5000 Maultiere, auf dem Baiweg zogen elf- bis zwölftausend Ochsen ihre Spur. Täglich verendeten zahlreiche Ochsen und Maultiere.
Das Verproviantieren der kämpfenden Truppe kostete monatlich zwei Millionen Mark. Obwohl allein die während eines halben Jahres aufzubringenden Kosten ausgereicht hätten, schon damals eine Bahn mit Kapspurweite bis Kubub zu legen, kam dem deutschen Reichstag erst im Dezember 1905 "die erste", im März 1907 "die zweite Rate der Erleuchtung", daß es endlich an der Zeit wäre, die im "altväterlichen Ochsenwagenbetrieb" vergeudeten Summen besser in einen erweiterten Eisenbahnbau zu investieren. 1911 endlich konnte Südwest sich rühmen, von allen deutschen Kolonien das vollkommenste Eisenbahnnetz zu besitzen.
Um die Jahrhundertwende war eine Feldbahn mit 60 cm Spurweite, stolz "Staatsbahn" genannt, nach Jakalswater gelegt und bis 1902 über Karibib und Okahandja nach Windhoek weitergeführt worden. Ihre Bauzeit: 5 Jahre, ihre Länge: 382 km, die Kosten: 15 Mio. Mark. Obwohl viel geschmäht und häufig belächelt, hat sie wesentlich zur Entstehung zahlreicher Farmplätze beigetragen. In den Jahren zwischen 1903 und 1906 ließ die 1900 gegründete Otavi- Minen- und Eisenbahngesellschaft ihre Otavibahn bauen, die in direkter Linie Swakopmund mit Tsumeb verband. Diese Bahn hatte ebenfalls 60 cm Spurweite und diente vornehmlich dem Abtransport des von der Gesellschaft gewonnenen Kupfers. Ein anderes Unternehmen, die South-West-Africa-Company, schuf 1908 mit der 90 km langen Linie Otavi - Grootfontein die Voraussetzungen für die Erschließung seines Landbesitzes.
Der Ankauf beider Linien im Jahre 1910 durch die Kolonie ermöglichte die Anpassung des Verkehrsbetriebes und der Tarifpolitik an die Bedürfnisse der Farmwirtschaft. Die 1905 in Angriff genommene Südbahn mit der Strecke Lüderitzbucht - Keetmanshoop und deren Abzweiger Seeheim - Kalkfontein, der das wichtige Farmgebiet des Bezirks Warmbad erschloß, konnten nach heftigen Reichstagsquerelen 1908 in Betrieb genommen werden. Der Bau der Südbahn wurde erschwert durch den 100 km breiten wasserlosen Dünengürtel der Namib, wo Wanderdünen umfangreiche Befestigungsanlagen erforderten, ferner durch die Trinkwasserversorgung und schließlich, zwischen Kuibis und Keetmanshoop, durch die im Bereich des Fischflusses und seiner Nebenflüsse notwendigen Brückenbauten. 1910 wurde mit dem Bau der Nord-Südbahn Windhoek - Keetmanshoop begonnen, die aussichtsreiche Farmbezirke am und um den Großen Fischfluß - etwa Gibeon und Rehoboth - erschließen half. Wo die Eisenbahnen endeten und abseits der von ihnen erreichten Gebiete traten "Ochsenwagen und Eselskarre in ihr altes Recht", wobei von allen Verkehrsstraßen jenseits des Eisenbahnbereiches diejenige als schwierigste galt, die nach dem "fernsten Nordosten" führte. Dort waren Durststrecken zu überwinden und Flüsse ebenso wie Sumpfgebiete zu durchqueren.
Das Nachrichtenwesen in einem Lande, "das erst der Kultur erschlossen" werden sollte, stützte sich vornehmlich auf Telegrafie und Telefonie als "hochentwickelte Werkzeuge unserer Kultur mit der Garantie augenblicklicher Leistungsfähigkeit". Wesentlichen Anstoß zu seinem beschleunigten Ausbau hatte der Witbooi-Krieg 1904-1908 gegeben, in dessen Verlauf das Bedürfnis schneller Benachrichtigung die bisherigen Normen überschritt und die Feldtelegraphie auf den Plan rief. So waren von der 2. Feldtelegraphenabteilung 1905 inmitten des feindlichen Groß-Namalandes mehr als 1000 km Feldkabel verlegt und 22 Morseschreibapparate sowie 49 Fernsprecher angeschlossen worden. Chiffrierte Telegramme stellten die Verbindung mit dem Schutztruppen-Oberkommando in Berlin her. Erschwert wurde das Telegrafenwesen teils durch feindlicherseits verursachte Betriebsstörungen, teils durch Schwierigkeiten, die in der Natur des Landes begründet lag: zu tiefes Grundwasser, das die Bodenrückleitung unmöglich machte, örtlicher Mangel an Stangenmaterial, Regengüsse, die Boden und Kabel aufweichten, Wanderdünen, die teilweise ganze Leitungsabschnitte verschütteten. Die Grenzen direkter Mikrofonverständigung lagen zwischen 80 und 130 km.
Zu erstaunlicher Leistungsfähigkeit erwachte in Südwest das uralte Prinzip der Verständigung über große Entfernungen mit Hilfe von Lichtzeichen. Anstelle der einst auf Höhen angezündeten Feuer "brennt in unseren Tagen die Signallampe, und tagsüber wirft der Heliographenspiegel das Sonnenlicht von Station zu Station". Ihre Feuerprobe bestand in Südwest die, im Gegensatz zur Heliographie, in Prinzip und Technik moderne "Funkentelegraphie". Funksprüche waren es denn auch, die wesentlich zum Erfolg in der Schlacht am Waterberg beitrugen.
Mit zwei Postämtern (Windhoek und Swakopmund), 14 Postagenturen und 18 Posthilfsstellen verfügte das Postwesen über insgesamt 34 Postanstalten. Die Postverbindung mit Europa wurde von Schiffen der Woermann-Linie hergestellt. Sie verkehrten monatlich und hielten auch Anschluß an die Postdampferlinie England - Kapstadt. Der südliche Teil des Schutzgebietes war mit der Heimat über einen via Kapstadt führenden Landpostdienst verbunden. Alle an den Bahnlinien gelegenen Hauptorte waren Ausgangspunkte von Landpostkursen. Über das Fernkabel Kapstadt - Mossamedes (portugiesische Kolonie) war das Schutzgebiet von Swakopmund aus an das Welttelegrafennetz angeschlossen. Eine "in Bronze ausgeführte Reichstelegraphenleitung" verband alle größeren Orte miteinander, und Windhoek wie Swakopmund zählten stolze 31 bzw. 33 Haupt- und diverse Nebenanschlüsse.

Wirtschaftsleben

Zwischen dem Zeitpunkt der Besitzergreifung Südwestafrikas durch das Deutsche Reich und dem Beginn des großen Aufstandes 1904 war ausschließlich der von Wanderhändlern betriebene Tauschhandel üblich. Aus diesem Warenhandel wurde schon bald ein zweifelhafter "Borghandel", dem die Behörden schließlich ein Ende setzten.
Hauptartikel waren ursprünglich Vieh, Straußenfedern und Felle auf der einen, die schon bald verbotenen Feuerwaffen und Spirituosen auf der anderen Seite. Zunehmende Besiedlung ließ den Handelsumsatz mit den Weißen steigen. In Abständen von mehreren Monaten besuchten diese mit Ochsenwagen die Kaufläden der Hauptsiedlungsplätze und deckten ihren Bedarf an europäischen Waren, wobei Nahrungsmittel, Konserven, Zucker, Kaffee, Haushaltsgegenstände, Kleider und Wäsche die Hauptrolle spielten. Die wachsende Eigenproduktion des Landes schuf allmählich insofern einen Wandel, als das verbreiterte Angebot gehobene Lebenshaltung verriet: Luxusgegenstände ebenso wie Baumaterialien und landwirtschaftliche Maschinen fanden stetig steigenden Absatz. Im Handel mit den Eingeborenen traten Lebensmittel und Kleidung in den Vordergrund. Um 1911 belief sich die Gesamteinfuhr auf ca. 33 Mio. Mark. Ihr stand - abzüglich der Ausfuhr von Bergbauprodukten - eine Exportsumme von nur einer Mio. Mark gegenüber. Mehrere Banken wickelten den Geld- und, in bescheidenem Maße, den Kreditverkehr ab.
Vielversprechende Anfänge zeigte das Gewerbe. An vorderer Stelle stand die Wagenbauerei, die vornehmlich den trotz des wachsenden Schienennetzes noch immer unentbehrlichen, robusten Ochsenwagen herstellte. "In zweiter Reihe marschiert ein urdeutsches Gewerbe, die Bierbrauerei." Auch das Gastwirtsgewerbe entwickelte sich rasch aufwärts. Die Schuhwarenherstellung wurde schon bald zu einer kleinen Industrie, während das eigentliche Handwerk in allen Sparten, vom Bäcker bis zum Zimmermann, vertreten war. Anfänge einer "richtigen Industrie" wurden in Sandstein- und Marmorwerken, Kalkbrennereien und den Fleischverwertungsanlagen einer Liebig-Tochter sichtbar.
Die planmäßige Entwicklung der Farmwirtschaft konnte erst nach Beendigung des letzten Aufstandes einsetzen und machte auch dann nur langsam Fortschritte. Die Wirtschaftsmethoden waren, klimatisch und geographisch bedingt, auf große Flächen angewiesen. Die Schwierigkeiten der Beschaffung ausreichend großer Viehbestände taten ein übriges. Die wenigen bereits ansässigen Farmer hatten noch kein Überschußvieh, das abzugeben gewesen wäre, so daß die Neuankömmlinge gezwungen waren, sich von den ansässigen Handelsfirmen Tauschwaren und Transportmittel zu borgen, um dann monatelang umherzuziehen und von den Eingeborenen Vieh zu erwerben. Dann erst konnte an die Errichtung einer Farm gedacht werden.
Soweit Farmwirtschaft bereits vor dem letzten großen Aufstand betrieben worden war, hatte der Krieg sie nahezu völlig vernichtet. Allerdings hatte das Reich den Siedlern für die erlittenen "Aufstandsschäden" Ersatz geleistet und dabei teilweise auch auf die von den Eingeborenen "erbeuteten" Viehbestände zurückgegriffen. Rührige Farmer beschränkten sich nicht auf extensive Viehzucht, sondern steigerten die Farmerträge, indem sie, je nach Lage und Beschaffenheit des Landes, zusätzlich intensive Betriebszweige erschlossen: den Anbau von Luzerne für die Straußenzucht, von Mais für Milchwirtschaft und Schweinemast, ergänzt durch den Anbau von Wein, Gemüse, Kartoffeln, Obst oder Tabak.
Das "Rückgrat der Kolonie" blieb jedoch die extensive Viehwirtschaft mit Farmeinheiten von 5000 bis 20000 Hektar und einem Kapital von 30000 bis 50000 Mark. Als Anfangsviehbestand waren in der Rinderzucht 50 Muttertiere, für den vollen Farmbetrieb 250 Stück erforderlich, letzteres eine Zahl, die nach etwa acht Jahren erreicht war. Volle Rentabilität setzte jedoch zusätzlich einen gewissen Bestand an Kleinvieh (Ziegen, Schafe) voraus. Der Viehbestand des Schutzgebietes betrug 1910: 121140 Stück Rindvieh, 344000 Fleischschafe, 30000 Wollschafe, 320000 gewöhnliche und 8100 Angoraziegen. Um jedoch jährlich 100000 Stück Rindvieh ausführen und sich einen Platz auf dem Weltmarkt erobern zu können, so war errechnet worden, hätte der Viehbestand verdoppelt werden müssen.
Eine besondere Rolle begann einige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Zucht der ursprünglich im nördlichen Pamir beheimateten Karakulschafe zu spielen, deren Lämmer die begehrten Persianerfelle liefern. 1907 ließ der damalige Gouverneur von Deutschsüdwestafrika, v. Lindequist, einige auf abenteuerlichen Wegen aus dem mittleren Asien nach Deutschland geschaffte Karakulschafe in das Schutzgebiet weitertransportieren, dessen klimatische Bedingungen denen ähneln, die in der Gegend des Karakulsees herrschen. Der kleine Stamm von weniger als einem Dutzend Tiere begründete eine Entwicklung, die Südwestafrika, gemeinsam mit Südafrika, eine führende Stellung auf dem Persianermarkt verschaffen sollte. Die Zucht von Pferden, Maultieren, Schweinen und Geflügel ergänzte den farmwirtschaftlichen Betrieb, während die Straußenzucht kaum über bescheidene Versuche hinauskam, nicht zuletzt infolge des hohen Bedarfs an Anfangskapital, kostete doch ein Küken "von guten Eltern" 250 bis 300 Mark.
Der Agrarsektor ist heute vor allem als Arbeitsmarkt von Bedeutung, mehr als die Hälfte der Erwerbspersonen sind hier beschäftigt. Der überwiegende Teil von ihnen muß jedoch infolge der ungleichen Besitzverhältnisse in Armut leben. Die weißen Viehzüchter, die in der Dornsavanne des Hochlands extensive Weidewirtschaft betreiben, vor allem Rinder und Karakulschafe, verfügen über drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Heute ist die wichtigste Grundlage für die Wirtschaft des Landes der Bergbau, der sich mit wenigen Ausnahmen im Besitz ausländischer, zumeist südafrikanischer Gesellschaften befindet. Neben Uran, dem wichtigsten Exportgut, werden Kupfer, Blei, Zink und Diamanten abgebaut. Die verschlechterte Absatz- und Ertragssituation hatte Mitte der 80er Jahre zu Rationalisierungen und Kapazitätsabbau geführt. Hiervon waren insbesonders Schwarze betroffen, die ihre Arbeitsplätze verloren.
Die Erwartung, in dem öden Lande wertvolle Mineralien, insbesondere Gold und Diamanten, zu finden, war nicht unbegründet, wie die Funde im übrigen Südafrika gezeigt hatten. Was das Gold anbetraf, so erwies sich jedoch keine der Lagerstätten als abbauwürdig. Dagegen versprachen, wenn auch auf lange Sicht, die hochwertigen Marmorvorkommen bei Kubas, Etusis, Abbabis und Karibib Gewinn. Gleiches galt für die bei Keetmanshoop entdeckte Kohle. Die größte Rolle aber spielten vorerst die zahlreichen Kupfererzlager, in allen Teilen des Landes gefunden und teilweise bereits vor Beginn der deutschen Herrschaft vorübergehend abgebaut.
Als in hohem Maße ergiebig jedoch erwiesen sich die im Norden um Otavi gelegenen Vorkommen, insbesondere die der Tsumeb-Mine, für deren Abbau die Otavi- Minen- und Eisenbahngesellschaft gegründet worden war. Dieses Unternehmen förderte ab 1905 hochprozentige Erze - Kupferglanz und Bleiglanz. Das Erz wurde anfänglich vor Ort verhüttet, später, mit steigender Fördermenge, als Roherz ausgeführt. Im Laufe der Jahre erwarb die Gesellschaft weitere Erzlager, so daß in den Otavi-Minen 1907/08 25000 t, 1909/10 fast 50000 t gefördert werden konnten. "Zur planmäßigen Erforschung des Landes" wurde von mehreren deutschen Großfirmen das "Südwestafrikanische Minensyndikat" gegründet, das in Swakopmund ein bergtechnisches Laboratorium unterhielt und seine Bemühungen auf die Erschließung "wertvoller, reicher Kupfererzvorkommen" konzentrierte. Aus gutem Grund: Deutschlands Anteil an der Weltproduktion betrug nur 3,5%, sein Bedarf jedoch 23%, war praktisch die totale Abhängigkeit von Nordamerika bedeutete.
Im Sommer 1908 fand "ein Kaffer, der als Streckenarbeiter am Bahnbau beschäftigt war, hinter Lüderitzbucht im Kiessand ein glitzerndes Steinchen", das er als Diamanten erkannte, hatte er früher doch in einer südafrikanischen Diamantenmine gearbeitet. Seine Master wurden über Nacht reiche Leute. Über den Finderlohn ist nichts bekannt geworden. Schon bald hatte in und um Lüderitzbucht "auch der Schwerfälligste" begriffen, daß es hier hieß, das Glück beim Schopfe zu fassen. Jedermann wurde vom Diamantenfieber gepackt, der Wettlauf um Besitzanteile an dem neuen "Schatzland" begann.
1910 befanden sich die ausgedehnten Diamantenfelder - der Wüstensand erwies sich zwischen Lüderitzbucht und der Oranje-Mündung als durchgehend diamantenführend -, von vier kleineren Gesellschaften abgesehen, im Besitz der Deutschen Diamantengesellschaft (sie schürfte in dem der Deutschen Kolonialgesellschaft reservierten Gebiet), des Fiskus (der südlich von Colmanskop einen bis zur Elisabethbucht reichenden Streifen als Claim abgesteckt hatte), der Kolonial-Bergbaugesellschaft (ihr Gebiet grenzte westlich an den fiskalischen Besitz) und der Colmanskop Diamond Ltd.
Die Technik der Diamantengewinnung war im ersten Stadium höchst einfach: Zunächst wurden die Steine aus dem Sand aufgelesen, anschließend, bei vermuteter Abbauwürdigkeit, mit Hilfe von Schüttelsieben gefördert. Schließlich kamen neuentwickelte Waschmaschinen zum Einsatz.
Die Diamantenverwertung lag in Händen der "amtlichen" Diamantenregie für das südwestafrikanische Schutzgebiet, deren Aufgabe es war, "die Verschleuderung der deutschen Diamanten... zu verhindern und den Handel in einer Hand zu vereinigen". Alle in Südwest gewonnenen Diamanten waren der als Vertretung der Regierung tätigen, in Lüderitzbucht ansässigen Afrikabank auszuhändigen, die dem Einlieferer ein Fünftel des Wertes sofort, ein weiteres Fünftel nach Eintreffen der Steine in Berlin, den Restbetrag nach deren Verkauf auszahlte. Die beiden größten bis 1910 in Südwest gewonnenen Rohdiamanten hatten 11 bzw. 17 Karat Gewicht, wobei "der 17karätige den stattlichen Wert von 5000 - 6000 Mark" aufwies. (Heute wäre er etwa 300000 DM wert.) Die jährliche Produktion auf den Feldern bei Lüderitzbucht betrug mehr als 800000 Karat (5 Karat = ca. 1 Gramm). 1910 wurden 160 Kilo im Werte von etwa 22 Mio. Mark gewonnen.

Staat und Verwaltung

Im Februar 1990 hat die Verfassunggebende Versammlung, in der sieben Parteien vertreten waren, die Verfassung Namibias verabschiedet, sie trat mit der Unabhängigkeit am 21.3.1990 in Kraft. Sie orientiert sich an verschiedenen Verfassungen westlicher Demokratien und darf wohl innerhalb Afrikas als mustergültig angesehen werden. Die Republik Namibia erklärt sich darin zu einem souveränen, säkularen und demokratischen Einheitsstaat. Sie bekennt sich zu den Prinzipien einer Mehrparteiendemokratie und garantiert rechtsstaatliche Grundsätze sowie fundamentale Menschen- und Freiheitsrechte. Staats- und Regierungschef sowie Oberkommandierender der Streitkräfte ist der Präsident. Er ist mit weitreichender exekutiver Macht ausgestattet und hat eine ähnlich starke Stellung wie der amerikanische und der französische Präsident. Er ernennt die Regierungsmitglieder, die Befehlshaber der Armee und den Generalinspektor der Polizei sowie (auf Empfehlung der juristischen Kommission) alle Richter der beiden obersten Gerichtsinstanzen, den Ombudsmann und (im Zusammenwirken mit dem Kabinett) den Generalstaatsanwalt. Er kann den Ausnahmezustand, den Kriegszustand oder das Kriegsrecht verkünden (die Nationalversammlung muß jedoch zugestimmt haben). Er wird von der Nationalversammlung für fünf Jahre gewählt und kann maximal zwei Amtszeiten regieren. Er muß mit seinem Kabinett vor der Nationalversammlung Rede und Antwort stehen. Er kann durch Zweidrittelmehrheit in Nationalversammlung und Nationalrat abgesetzt werden, z.B. wenn er die Verfassung verletzt. Andererseits hat er die Befugnis, auf Anraten des Ministerpräsidenten und mit Zustimmung einer Mehrheit des Kabinetts, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen; damit endet jedoch gleichzeitig auch seine Amtszeit.
Vertreter des Präsidenten ist der Ministerpräsident, der die Arbeit des Kabinetts koordiniert und Sprecher der Regierung im Parlament ist.
Der Nationalversammlung (Parlament; 72 Abgeordnete) obliegt die Gesetzgebung. Verabschiedete Gesetze müssen, bevor sie dem Präsidenten zur Zustimmung vorgelegt werden, eine zweite Kammer passieren, den Nationalrat, der aus den Vertretern der Regionen besteht, die durch Regionalwahlen ermittelt werden.
Auf regionaler und lokaler Ebene soll es zusätzlich Räte "traditioneller Führer" geben. Damit wird den traditionellen Kulturen der einzelnen Ethnien Rechnung getragen.
Ein wichtiger Passus hinsichtlich der künftigen politischen Entwicklung legt fest, daß eine Verfassungsänderung nur durch eine Zweidrittelmehrheit in der Nationalversammlung und im Nationalrat möglich ist. Die Grundrechte können nicht geändert werden.
Namibia hat nach wie vor ein Mehrparteiensystem, was ja in Afrika nicht selbstverständlich ist. Das Parteiengefüge zu durchschauen, ist für den Außenstehenden nicht ganz einfach. Die vielfach stammesgebundenen Interessen haben es mit sich gebracht, daß es bis zur Unabhängigkeit eine Vielzahl von politischen Parteien gab. Bis heute gibt es bei den kleinen Gruppen eine ständige Fluktuation. Hervorstechendes Merkmal ist der Gegensatz zwischen der radikalen SWAPO und der konservativen DTA.
Die mehr als 50 Parteien hatten sich vor der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung am 9.11.89 zu Allianzen zusammengeschlossen, die dann bei der Wahl als Parteien auftraten. Zehn Parteien ließen sich für die Wahl registrieren. Sieben Parteien erreichten Sitze im Parlament, davon drei nur je einen.
Stärkste Partei ist die South West Africa People's Organization of Namibia (SWAPO). Sie wurde 1960 gegründet (Namenszusatz "of Namibia" seit 1968). Vorläuferin war die 1958 in Kapstadt entstandene Ovamboland Peoples's Organization (OPO). Bis heute ist die SWAPO stark durch die Ovambo geprägt, hat jedoch auch Anhänger unter den anderen Bevölkerungsgruppen, besonders bei Rehobothern und Nama, von denen einige kleine Parteien 1976 in der SWAPO aufgingen, kaum jedoch bei den Herero. Das Programm der SWAPO ist sozialistisch geprägt. Sie erstrebt einen Einheitsstaat mit einer klassenlosen Gesellschaft ohne Berücksichtigung ethnischer Prinzipien. Sie tendiert zu einem Einparteiensystem, hat jedoch erklärt, dies nicht "gegen den Willen des Volkes" durchsetzen zu wollen. Der Besitzstand sowohl der südafrikanischen als auch der anderen ausländischen Eigentümer im Bergbauwesen soll vermindert werden, ebenso der Anteil der Weißen an der landwirtschaftlichen Produktion. Eine Verstaatlichung der Minen, Ländereien und industriellen Betriebe wird jedoch nicht angestrebt.
Während ihres langen Kampfes aus dem Exil hatte die SWAPO besonders von sozialistischen Ländern Unterstützung erfahren. Durch intensive Aktivitäten auf internationaler Ebene versuchte sie ihren Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen. Sie erhielt 1976 bei der UNO Beobachterstatus, bemühte sich jedoch vergeblich, als Exilregierung anerkannt zu werden. Innerhalb der Exilbewegung gab es wiederholt Richtungskämpfe, wobei sich der seit der Gründung amtierende Vorsitzende immer wieder durchsetzen konnte. Dissidenten verschwanden in Lagern in Angola und Zambia. Der Wahlerfolg der SWAPO (57,3%) konzentrierte sich auf das bevölkerungsreiche Ovamboland und auf Windhoek (Katatura), was zahlenmäßig entscheidend zu Buche schlug. Mit ihrem ersten Kongreß 1991 wandelte sich die SWAPO von einer Unabhängigkeitsbewegung zu einer Partei, ohne daß sich dabei grundlegende Richtungsänderungen ergaben oder die Uneinigkeiten beseitigt werden konnten.
Die Demokratische Turnhallen-Allianz (DTA), 1977 gegründet, setzt sich aus 12 einzelnen Parteien zusammen. Die DTA ist von allen Parteiallianzen diejenige mit der breitesten ethnischen Streuung; sie vertrat ausdrücklich das Prinzip, daß alle Volksgruppen an der Regierung beteiligt sein sollten, keine sollte von einer anderen majorisiert werden. Bei der Wahl erreichte die DTA mit 28,6% als einzige einen Stimmenanteil, der eine ernstzunehmende Opposition (21 Sitze im Parlament) ermöglicht. Ende 1991 konstituierte sich diese Parteiallianz als einheitliche Partei unter dem Namen DTA of Namibia.

Die Verfassung garantiert die Unabhängigkeit der Justiz und enthält einen Katalog von Grundrechten; im übrigen bestätigt sie zunächst - bis zur Verabschiedung neuer Gesetze - die Gültigkeit der zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit geltenden (südafrikanischen) Gesetze.
Die Gerichtsorganisation ist dreistufig. An der Spitze steht der Oberste Gerichtshof, der auch als Verfassungsgericht fungiert. Seine Entscheide binden die nachgeordneten Gerichte: das Obergericht und die Amtsgerichte. Oberster Gerichtshof und Obergericht haben ihren Sitz in Windhoek; ihre Richter werden vom Staatspräsidenten auf Vorschlag des Richterwahlausschusses ernannt. Gemäß eines 1992 unterzeichneten Abkommens mit Südafrika werden Richter und in der Ausbildung befindliche Juristen ausgetauscht; als erster wurde ein Richter des Obersten Gerichtshofes Südafrikas als Gerichtspräsident nach Windhoek abgeordnet. Als außergerichtliche Beschwerdeinstanz gibt es den Ombudsmann.

Nachdem die letzten südafrikanischen Truppen im November 1989 das Land verlassen hatten, wurde mit Erlangung der Unabhängigkeit begonnen, eine eigene namibische Armee aufzustellen. Mitglieder der ehemaligen SWAPO-Truppe wurden ebenso in die neue Armee aufgenommen wie Angehörige der früheren "Südwestafrikanischen Territorialstreitkräfte", jeweils zur Hälfte. Ihre Stärke betrug zunächst 9000 Mann, zur Zeit wird sie auf 25000 Mann aufgestockt. Britische und deutsche Fachleute haben die Ausbildung übernommen.

Die Flagge

Die Flagge von Namibia ist blau - rot - grün (diagonal) mit weißen Trennstreifen und gelber Sonne auf blau im linken oberen Feld.
Das Blau symbolisiert den klaren Himmel über Namibia, den Atlantischen Ozean, die kostbaren Wasservorräte und die Bedeutung der Regenfälle.
Durch das Gelb der Sonne sollen das Leben und die Energie zum Ausdruck gebracht werden.
Das Rot soll an den jahrhundertelangen Freiheitskampf des namibischen Volkes erinnern.
Das Weiß symbolisiert die Sehnsucht nach Frieden und Einheit.
Das Grün repräsentiert Namibias Flora und Landwirtschaft.
In diesen fünf Farben vereinen sich die Farben der beiden wichtigsten Parteien SWAPO und DTA.


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