Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Es folgte eine kurze Zeit ungestörter Prosperität für die Deutschen. Eisenbahnlinien wurden fertiggestellt, der Kupfererzbergbau in Tsumeb nahm seinen Aufschwung, und 1908 begann mit dem Fund des ersten Diamanten ein Boom in und um Lüderitz. 1909 gewährte die Regierung des Deutschen Reichs den inzwischen 12000 deutschen Siedlern eine begrenzte Selbstverwaltung. Die Wirtschaft florierte auf dieser Basis, bis der Erste Weltkrieg zur Beendigung dieser kurzen Kolonialherrschaft führte.
Bei der Mehrheit des Deutschen Reichstages ebenso wie in weiten Kreisen der Regierung war es "streng verpönt, auch nur anzudeuten, daß die Schutztruppe einmal dazu berufen sein könnte, gegen einen auswärtigen Feind kämpfen zu müssen". Im Frühjahr 1913 forderte die Budgetkommission des Reichstages sogar eine Verminderung der Schutztruppe (Stärke 1913: knapp 2000 Aktive und 3000 Reservisten) um drei Kompanien. Der Mann, der sich diesem Ansinnen auf das Entschiedenste widersetzte, war Dr. Seitz, seit November 1910 Gouverneur von Deutschsüdwestafrika. Er hatte gute Gründe.
In Deutschland wußte man nur wenig von den veränderten Verhältnissen in Südwest, außer, daß da eine weiße Truppe bestand, die "den großen Eingeborenenaufstand" erfolgreich niedergeworfen hatte. Jene Kämpfe blieben der Maßstab für das, was man "von Südwestafrika in diesem (Ersten Welt-) Kriege erwartete". Wenige Zahlen belegen, warum diese Rechnung falsch sein mußte: 1904 zählte die weiße Bevölkerung Südwestafrikas, Frauen und Kinder einbegriffen, 4600 Köpfe. Das Land befand sich im wesentlichen noch in den Händen der Eingeborenen, nur wenige weiße Farmer lebten verstreut in dem großen Territorium. Einziges Transportmittel war (von der leistungsschwachen Schmalspurbahn Swakopmund - Windhoek abgesehen) der Ochsenkarren, Straßen gab es kaum. Alles in allem also ein schwer anzugreifendes, jedoch leicht zu verteidigendes Land.
1914 dagegen: die weiße Bevölkerung auf 15000 Köpfe angewachsen, darunter 5000 Frauen und Kinder, und 2000 Nichtdeutsche, "meist feindliche Untertanen". Vornehmlich in der Mitte und dem Norden Farm an Farm. Ein Eisenbahnnetz, das sich ein überlegener Angreifer leicht zunutze machen konnte. Und dann die Schutztruppe: 1904 bis 1907 der Angreifer, zeitweise einschließlich aller Versorgungseinheiten mehr als 15000 Mann stark, mit nur geringen Nachschubsorgen. Und der Gegner: 8000 schlecht bewaffnete Eingeborene. 1914 dagegen auf 2000 Aktive und 3000 Reservisten reduziert, einem Angreifer gegenüberstehend, der "60000 Mann mit allen modernen Hilfsmitteln ausgestatteter Engländer und Buren ins Feld stellte". Sowohl Gouverneur Seitz als auch Oberstleutnant v. Heydebreck, Kommandeur der Schutztruppe, hatten in ihren Berichten mehrfach betont, "daß wir bei einem etwaigen Kriege mit England einem Angriff durch die Südafrikanische Union entgegensehen müßten". Ferner hatten sie ausgeführt, daß für eine einigermaßen erfolgreiche Verteidigung im Kriegsfalle die Befestigung von Lüderitzbucht, die Vermehrung der Verkehrstruppen, die Einrichtung eines Fliegerkorps und die Verstärkung der Truppe um zwei Bataillone Infanterie erforderlich seien.
In Berlin hatte sich der Reichstag bereits 1913 entschlossen, ein entsprechendes "Wehrgesetz" zu erlassen. Die Ausführungsbestimmungen ließen jedoch so lange auf sich warten, daß bei Ausbruch des Krieges in Südwest noch kein fertiger Mobilmachungsplan vorlag und "wir militärisch gänzlich unvorbereitet von dem Krieg überrascht wurden". Mehr noch: Obwohl General Botha, seit 1910 Ministerpräsident der Südafrikanischen Union, in seinem Parlament keinen Zweifel daran gelassen hatte, daß er im Falle eines Krieges an Englands Seite stehen würde, traf noch am 2. August 1914 in Windhoek ein Telegramm des Reichs-Kolonial-Amtes ein: "Schutzgebiete außer Kriegsgefahr, beruhigt Farmer." Und das, obwohl sich die Kriegserklärungen bereits zu überschlagen begannen: Deutschland - Rußland (1. Aug.), Deutschland - Frankreich (3. Aug.), Belgien und England - Deutschland (4. /5. Aug.).

Der Erste Weltkrieg

Am 7. August begann im Schutzgebiet die allgemeine Mobilmachung, absolut ungenügend vorbereitet, wie Gouverneur Seitz 1920 bekannte. Aufgrund des Wehrgesetzes waren im April 1914 endlich Reservisten und Landstürmer eingetroffen, die den einzelnen Truppenteilen infolge mangelnder Organisation recht regellos zugewiesen wurden. Nicht wenige gefährdeten denn auch bereits nach kurzer Zeit beispielsweise den Eisenbahnbetrieb, der erst nach Einsatz von "Linienkommissaren" zu funktionieren begann. Trotzdem blieb es um das Transportwesen übel bestellt. Zwei eigene und zwei Landespolizei-Kraftwagen stellten den ganzen motorisierten Fuhrpark dar. Darüber hinaus gab es nur Ochsenwagen. Der Fahrzeugmangel hatte im Frühjahr 1915 zur Folge, daß die Maisernte aus dem Bezirk Gobabis nicht abtransportiert werden konnte und den Buren in die Hände fiel.
Daß es dennoch gelang, zu Kriegsbeginn die gesamte Schutztruppe im Süden zu konzentrieren, war den Eisenbahnen zuzuschreiben. Die waffentechnische Ausrüstung der Truppe wäre als gut zu bezeichnen gewesen, wenn sich nicht bei der Artillerie die Vielfalt des Materials und der Munition in recht störender Weise bemerkbar gemacht hätte: 70 (!) Geschütze für 2000 Aktive, 10 verschiedene Typen, eine aus der ganzen Armee und Marine zusammengestellte Sammlung verschiedener Modelle. Völlig unzureichend war ferner auf deutscher Seite die Organisation des Nachrichtenwesens - im Gegensatz zu den Unionstruppen, deren Abteilungen ausnahmslos ihren eigenen Nachrichtendienst unterhielten. So blieb die deutsche Führung auf Informationen angewiesen, die der Einsatz zweier alter Flugzeuge, einiger Patrouillen und der Funkstationen erbrachte.
Auf südafrikanischer Seite trat Botha nach eigenen Angaben mit 60000 Mann ins Feld, die er im Notfall auf 120000 Mann hätte bringen können. Dank des südafrikanischen Wehrgesetzes, das für 17- bis 60jährige die Wehrpflicht vorschrieb, konnte Botha über fünf verschiedene Formationen verfügen: die berittene Infanterie, die Küstengarnison, die Bürgerwehr, die freiwillige Marinereserve und eine Spezialreserve. Entsprechend vollständig war auf südafrikanischer Seite der Nachschub organisiert. Wo immer die Deutschen auf den Gegner trafen, wurden sie von dessen unglaublicher Beweglichkeit überrascht. Mit seinen Troßfahrzeugen gelang ihm die Überwindung aller Schwierigkeiten, welche die Beschaffenheit des Landes dem Angreifer bot, während auf deutscher Seite die Beweglichkeit der Truppe von Tag zu Tag geringer wurde. Über den Krieg in den Deutschen Schutzgebieten hat das Reichs-Kolonial-Amt zwischen 1914 und 1918 insgesamt neun "Mitteilungen" veröffentlicht. Sie waren lückenhaft und unzuverlässig, lag ihnen doch Material zugrunde, das Privatbriefen oder der feindlichen Presse entstammte. Der direkte "funkentelegraphische" Verkehr mit Südwest war Ende August 1914 zusammengebrochen. Dementsprechend dürften die vom Gouverneur Seitz vor Ort gemachten Beobachtungen - bei aller Subjektivität der Darstellung - als zuverlässigere Quelle angesehen werden.
Was der Union, neben der zahlenmäßigen Überlegenheit ihrer Truppen, einen uneinholbaren Vorsprung gesichert hat, war die Perfektion ihres Spionagesystems, das sich bereits während des großen Eingeborenenaufstands 1904/07 hervorragend bewährt hatte. Dementsprechend übertraf das im Dezember 1914, also vor Beginn des Hauptangriffs auf Südwest, von der topographischen Sektion des Generalstabs in Pretoria herausgegebene detaillierte Kartenmaterial über Deutschsüdwestafrika die Genauigkeit deutscher Unterlagen um ein Vielfaches. Und eine grobe technische Panne auf britischer Seite - rechtswidrige Öffnung eines Postsackes und versehentliches Abstempeln eines entnommenen Briefes - hätte deutscherseits eigentlich richtig gedeutet werden müssen: daß nämlich die gesamte für Südwest bestimmte deutsche Post, soweit sie zwecks rascherer Beförderung über England ging, in London geöffnet, durchgesehen und wieder verschlossen wurde. So dürften die Engländer über alle Verhältnisse des Schutzgebietes auf das Eingehendste unterrichtet gewesen sein.
Andere Probleme warfen zu Kriegsbeginn die Geldverhältnisse auf. Der Ansturm auf die Banken brachte diese in größte Verlegenheit. Zudem mußten mehrere tausend Arbeiter aus Südafrika, die bei den Eisenbahnen und in den Minenbetrieben beschäftigt waren, ausbezahlt und abgeschoben werden. Noch schwieriger gestaltete sich die Frage nach der Ernährung der weißen und der eingeborenen Bevölkerung. "Jetzt rächte sich bitter, daß wir in den ersten Jahrzehnten... den Ackerbau gänzlich vernachlässigt und in dem Lande nur das klassische Land der Viehzucht gesehen hatten." Eine am 3. August 1914 durchgeführte Erhebung ergab, daß die meisten größeren Orte auf fünf, einige wenige, darunter Windhoek, auf drei Monate mit Lebensmitteln versorgt waren. Am 6. August 1914 wurde für den Bereich des Schutzgebietes der Kriegszustand erklärt. Die Sperrung der Grenze ebenso wie Massenverhaftungen der in Südafrika anwesenden Deutschen waren unübersehbare Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff der Südafrikanischen Union. Über die Buren hatte Gouverneur Seitz erfahren, daß diese zwar einem eventuellen deutschen Angriff auf die Union "unbedingt entgegentreten", sich andererseits aber keinesfalls an einem Einmarsch der Engländer in das Schutzgebiet beteiligen würden. Und ein kleiner Teil, so die Information, "neige dazu, für Transvaal und den Oranjefreistaat die alte Unabhängigkeit wieder zu erlangen".
Die deutsche Führung wußte, daß Südwest ohne Hilfe von außen oder einen erfolgreichen Aufstand in der Union selbst nicht zu halten sein würde. Aus Deutschland traf nicht eine einzige Mitteilung ein, die darauf hingedeutet hätte, daß man sich auch nur mit dem Gedanken beschäftigte, Unterstützung zu senden. Als dann auch noch die Nachricht erhalten wurde, daß das unter dem Kommando des Grafen Spee stehende ostasiatische Geschwader der deutschen Kriegsmarine bei den Falklandinseln nahezu vollständig vernichtet worden war, stand außer Zweifel, daß es, wenn der Krieg nicht in ganz kurzer Zeit zu Ende war, nur eine Rettung gab: Aufstand in Südafrika, weil dieser einen wirksamen Angriff auf das Schutzgebiet verzögern mußte.
Englandfeindliche Buren informierten Gouverneur Seitz am 26. August dahingehend, daß General Botha auf Drängen der britischen Regierung Deutschsüdwest angreifen wolle, um die "Großfunkenstation Windhoek" in die Hände zu bekommen. Doch hätten sich sämtliche burischen Kommandanten der "Defence Force", ausgenommen Smuts, geweigert, an einem solchen Angriff teilzunehmen. Ihr General de la Rey hatte sogar gedroht, im Falle eines Angriffs auf Südwest den "Vierkleur", die alte Fahne Transvaals, zu hissen und den Aufstand zu proklamieren. Die auf burischer Seite bestehende Bereitschaft, von Südafrika abzufallen, ging so weit, daß Gouverneur Seitz von einem der Burenkommandanten, General Beyers, ersucht wurde, einen Vertrag auszuarbeiten. Für den Fall des Gelingens der Rebellion hätte dieser Vertrag die Unabhängigkeit der alten Burenrepubliken gesichert und ihnen die Annexion der Delagobay und damit den Zugang zum Meer erlaubt. Er wurde am 21. September geschlossen. In diesen Wochen vollzogen sich, infolge mangelnder Nachrichtenverbindungen auf deutscher Seite häufig zu spät bemerkt, in allen Teilen Südwestafrikas Ereignisse, deren Summe deutlich machte, daß die deutsche Truppe tatsächlich auf verlorenem Posten stand.
Am 8. und 13. August, wenige Tage nach der Kriegserklärung Englands an Deutschland, brachen die Deutschen ihre Küstenfunkstationen Lüderitzbucht und Swakopmund ab. Am 9. September erklärte die Südafrikanische Union Deutschsüdwestafrika den Krieg und eröffnete vier Tage später mit einem Angriff auf die an der Südgrenze gelegene deutsche Polizeistation Ramansdrift die Feindseligkeiten. Die Deutschen reagierten prompt, indem sie die britische Grenzstation Nakab einnahmen. Am 10. September besetzten Schutztruppen die Walfischbai, worauf die Engländer mit 2 Kreuzern, 4 Torpedobooten und 12 Transportschiffen vor Lüderitzbucht aufkreuzten und 8000 Mann ausschifften. Die gesamte Zivilbevölkerung wurde als kriegsgefangen behandelt und in Gefangenenlager in der Kapkolonie geschafft. Abermals zwei Wochen später beschoß ein britischer Hilfskreuzer Swakopmund. Fast zur gleichen Zeit rieb Oberstleutnant v. Heydebreck im Gefecht von Sandfontein drei südafrikanische Schwadronen auf und machte 215 Gefangene. Trotzdem setzten sich bis Anfang Oktober die Unionstruppen nicht nur im Süden und an der Küste, sondern auch im Norden, im Caprivi-Zipfel, fest. Das inzwischen aufgestellte Burenfreikorps lieferte den Südafrikanern teils im Süden des deutschen Schutzgebietes, teils im Kapland selbst kleinere Gefechte, die letztlich ohne Bedeutung blieben. General Botha verstand es, in geschickten Verhandlungen mit einzelnen Kommandanten und Politikern, einen gleichzeitigen Ausbruch des Aufstandes in Transvaal, im Oranjefreistaat und in der Kapkolonie zu verhindern und dadurch die Stoßkraft der Rebellion zu brechen. Der "Spaziergang nach Kapstadt" blieb ein Traum.
Nun sah sich Deutschsüdwest - im Süden und Osten von englischem Gebiet umschlossen, im Westen von See her durch britische Kriegsschiffe und Hilfskreuzer blockiert - plötzlich an der Nordflanke einem "neuen Feind" gegenüber. Das portugiesische Angola, obwohl offiziell noch neutral, beschlagnahmte auf englischen Druck hin nicht nur alle für das Schutzgebiet bestimmten Lebensmitteltransporte. Es duldete auch, daß der zum Empfang mehrerer Wagenladungen an der Grenze erschienene Deutsche Bezirksamtmann Dr. Schulze-Jena und seine Begleiter in das benachbarte Fort Naulila eingeladen und im Augenblick des Eintreffens verhaftet, bei einem Fluchtversuch erschossen und die Leichen völlig ausgeraubt wurden. Der Versuch, am Okavango stationierte Polizeibeamte zu gleichem Zweck "einzuladen", scheiterte an deren Wachsamkeit. Die Nachricht, daß in Mossamedes mehrere tausend Mann portugiesischer Truppen gelandet und nach Süden in Marsch gesetzt worden wären, veranlaßte Oberstleutnant v. Heydebreck, die Abteilung Franke nach Norden zu schicken. Am 12. November verunglückte v. Heydebreck tödlich, sein Nachfolger, Oberstleutnant Franke, stürmte am 18. Dezember mit 600 Mann das Fort Naulila und schlug dessen 800 Mann starke Besatzung vernichtend. Am 11. Februar 1915 übernahm General Botha den Oberbefehl über die Unionstruppen. Am 20. März mußte die Schutztruppe den Süden, am 7. April die Landesmitte und Windhoek zu räumen beginnen. Anfang Mai zog General Botha in Karibib ein. Mit 35000 Mann traten die Unionstruppen am 19. Juni den Vormarsch nach Norden an. Am 9. Juli 1915 wurde ein Waffenstillstandsvertrag mit den für die Schutztruppe ehrenvollen Übergabebedingungen von Dr. Seitz, Oberstleutnant Franke und General Botha unterzeichnet. Fünf Wochen später war ganz Südwestafrika von der Südafrikanischen Union besetzt.
"General Right Honourable Louis Botha, Oberkommandierender der Streitkräfte der Union" zeigte sich verhältnismäßig großzügig. Zwar verlangte er, daß ihm die Streitkräfte der Schutztruppe übergeben werden. Doch durften aktive Offiziere und auch die Reserveoffiziere Waffe und Dienstpferd behalten und sich, "im Falle sie ihr Ehrenwort geben wollen", an einem Platz ihrer Wahl niederlassen. Die anderen Dienstgrade der aktiven Truppe waren unter angemessener Bewachung an einem von der Unionsregierung im Schutzgebiet auszusuchenden Platz zu internieren. Einem jeden wurde auch hier sein Gewehr belassen, allerdings ohne Munition. Reservisten aller Unteroffiziers- und Mannschaftsdienstgrade durften nach Hause zurückkehren und ihren Zivilberuf wieder aufnehmen. Die Polizei des Schutzgebietes wurde soweit sie mobilisiert war, wie die aktive Truppe behandelt. Ihre auf abgelegenen Stationen diensttuenden Mitglieder wurden dort belassen, "um Leben und Eigentum der Nichtkombattanten" zu schützen. Schließlich versicherte General Botha auf Verlangen des Gouverneurs Dr. Seitz im Laufe der Verhandlungen mündlich, daß die Bestimmungen der Haager Konvention eingehalten würden und das Privateigentum der Deutschen unangetastet bliebe.
Die Unionsregierung hielt sich an alle Vertragsbedingungen: Zivilpersonen wurden entlassen und konnten frei ihrem Beruf nachgehen. Die gegen alle Grundsätze des Völkerrechts nach Südafrika deportierten Deutschen - darunter die gesamte Bevölkerung von Lüderitzbucht - kehrten in das Schutzgebiet zurück. Deutsche Schulen blieben unter deutscher Leitung, die Selbstverwaltung der Gemeinden und der ländlichen Bezirke konnte unter Aufsicht von englischen Bezirksbeamten fortgeführt werden, der Betrieb aller deutschen Krankenhäuser und des Rotkreuzheimes in Swakopmund lief ungestört weiter. "Das Land behielt seinen Charakter als deutsches Land, der Zweck des Übergabevertrages wurde erreicht: selbst die Eingeborenen verloren sehr bald die hier und da aufgetauchte Neigung zur englischen Herrschaft und sehnten die deutsche Verwaltung zurück." Mit dem Waffenstillstand im November 1918 geschah etwas, womit kein Südwester gerechnet hatte: Der Vertrag vom 9.7.1915, geschlossen zwischen Botha und Seitz, wurde in Deutschland vergessen. Die Engländer behaupteten, auf jene "Bedingungen der Übergabe der Streitkräfte des Schutzgebietes von Deutschsüdwestafrika" könne sich der von Dr. Seitz als Kommissar für die Vertretung der deutschen Interessen bestellte Finanzreferent Kastl nicht mehr berufen - sie seien durch den Waffenstillstand hinfällig geworden.
Fünf Jahre später vermerkte der Gouverneur a.D. Seitz in einem Rückblick: "Man muß es den Engländern lassen, sie haben die Aufhebung des Vertrages von Khorab gründlich ausgenützt. Über 6000 Deutsche, Beamte, Schutztruppe, Farmer, Kaufleute und fast sämtliche deutschen Arbeiter wurden gewaltsam aus dem Lande weggeführt. Was die englische Politik aber nicht zu vernichten vermochte, das ist der starke Einschlag deutschen Wesens und deutscher Kultur, den unsere dreißigjährige Arbeit dem Lande gegeben hat. Wir haben ein Land verloren, dessen Wirtschaft aufgebaut ist mit dem Schweiße deutscher Arbeit, dessen Boden gedüngt ist mit deutschem Blut und benetzt von den Tränen deutscher Mütter...". Noch immer trübten nationales Pathos und koloniale Enttäuschung den Blick dafür, daß beim Aufbau der Wirtschaft mehr schwarzer als weißer Schweiß geflossen ist, daß im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Eingeborenen ganze Völkerstämme dezimiert wurden und Zehntausende schwarzer Mütter Tränenströme vergossen haben. Der Versailler Vertrag, am 28. Juni 1919 als Diktat unterzeichnet, ohne daß Vertreter Deutschlands an den Verhandlungen teilgenommen hätten, bestimmte u.a. den Übergang Deutschsüdwestafrikas als Völkerbundsmandat an die Südafrikanische Union.

Unter südafrikanischem Mandat

1920 übertrug der Völkerbund der Südafrikanischen Union das Territorium als C-Mandat. Südafrika hatte also das Recht, es als Teil seines Hoheitsgebiets zu verwalten, jedoch mit der Auflage, die Interessen der einheimischen Bevölkerung zu wahren.
Der deutschen Bevölkerung ging es unter dem südafrikanischen Mandat schlecht. Unter den südafrikanischen Regierungschefs Botha und Smuts wurden ca. 4000 Deutsche ausgewiesen. An ihre Stelle traten Buren. Ca. 9000 deutsche Händler und Farmer verblieben in Südwestafrika, wurden nun aber in eine deutliche Minderheitsrolle gedrängt. Die zahlenmäßig relativ geringe Ausweisung der Deutschen hatte natürlich einen praktischen Grund: ihre Wirtschaftskraft konnte nicht so leicht ersetzt werden.
1925 erhielt Südwestafrika Verwaltungsautonomie unter einem südafrikanischen Administrator. Die Weißen erhielten das Wahlrecht für eine legislative Versammlung. Für die afrikanische Bevölkerung wurden Reservate eingerichtet. Aufstände der Bondelzwart und der Rehobother wurden niedergeschlagen. Das System der Kontraktarbeit, besonders für Wanderarbeiter aus dem Norden, wurde ausgebaut. 1932 wurden die verbliebenen Deutschen südafrikanische Staatsbürger, und Südafrika behandelte SWA seither als integrierten Bestandteil seines Staatsgebiets.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte Südafrika die UNO nicht als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes an und lehnte es ab, sein Völkerbundsmandat über Südwestafrika dem UN-Treuhandsystem zu übergeben. Es verwaltete das Gebiet fortan als fünfte Provinz. Mit der UNO kam es daher zum Konflikt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wurde von Liberia und Äthiopien angerufen, wies jedoch in seinem Urteil vom 18.7.1966 die Klage gegen Südafrika zunächst ab.
Ein Schlüsselerlebnis für das Entstehen einer schwarzen Opposition war der 10.12.1959. Damals beschloß der Stadtrat von Windhoek, die Schwarzen aus ihrem angestammten Wohnviertel Alte Werft (engl. Old Location) in eine weiter entlegene Vorstadt, das spätere Katatura, umzusiedeln. Ein Protestmarsch der Frauen führte zu Unruhen, die von der Armee blutig beendet wurden. Der Tag der Menschenrechte, der nun alljährlich am 10. Dezember begangen wird, erinnert daran.
Ab 1964 wurden in Südwestafrika zehn "Heimatländer" (Homelands) eingerichtet, von denen in der Folgezeit Ovambo, Kavango, Ostcaprivi und Rehoboth eine Selbstregierung für innere Angelegenheiten erhielten. Mit Hilfe staatlicher Kredite sollten diese Homelands wirtschaftlich und sozial so weit entwickelt werden, bis sie in eine begrenzte politische Unabhängigkeit entlassen werden konnten. Trotzdem muß klar festgestellt werden: den meisten dieser Gebiete war es unmöglich, ihre Bevölkerung selbständig zu ernähren und ihr Arbeitsplätze zu beschaffen. "Die Pro-Kopf-Flächen sind eindeutig zu klein, gemessen am begrenzten natürlichen Potential eines semiariden Landes und der notwendigen extensiven Wirtschaftsweise." Daher mußten die Männer im erwerbstätigen Alter als Vertragsarbeiter bei weißen Farmern oder anderen Arbeitgebern ihren Lebensunterhalt verdienen. Außerdem erfolgte die Aufteilung des Landes eindeutig zugunsten der Weißen.

Widerstand und Unabhängigkeit

Der Widerstand gegen diese Politik organisierte sich vor allem in der SWAPO (South West Africa People's Organization). Am 27.10.1966 sprach die UN-Vollversammlung der Republik Südafrika wegen der Anwendung der Apartheidsgesetze auf das Territorium das Mandat ab und führte 1968 den Namen Namibia ein. Dies wurde 1971 vom Internationalen Gerichtshof bestätigt. Da die südafrikanische Regierung fürchtete, ein freies Namibia könne entsprechend der Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung zu einem unbequemen Gegner der Apartheid werden, wurden die Pläne der UNO mit allen Mitteln bekämpft. Die SWAPO begann 1966 ihren bewaffneten Kampf an der Nordgrenze, ausgehend von Rückzugsbasen in Südangola.
Nach langen Auseinandersetzungen und der Entlassung der portugiesischen Kolonien Angola und Mocambique in die Unabhängigkeit 1975 begann Südafrika unter dem Druck der Weltöffentlichkeit, seine Apartheidspolitik in Südwestafrika zurückzunehmen. Es versprach die Unabhängigkeit und berief eine Verfassungskonferenz ein, an der Delegationen oder Parteien der elf Bevölkerungsgruppen beteiligt waren. Diese arbeitete 1975 - 77 unter dem Vorsitz von Dirk Mudge eine Verfassung aus, die eine Republik mit freier Marktwirtschaft und eine Regierungsbeteiligung aller ethnischen Gruppen vorsah. Diese Verfassung wurde jedoch nicht verabschiedet wegen des Protests der "Kontaktgruppe", bestehend aus den Außenministern der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs, Großbritanniens, Kanadas und der USA, die im Auftrag der UNO den Weg in die Unabhängigkeit ebnen sollte. Südafrika behandelte das Territorium ab 1977 nicht mehr als Provinz, sondern verlieh ihm einen Sonderstatus und setzte einen Generaladministrator ein.
Die SWAPO wurde von der UNO 1973 als "authentische Repräsentantin des Volkes von Namibia" anerkannt, was 1977 auf die Formel "einzige und authentische Befreiungsorganisation" eingeschränkt wurde. Sie lehnte ethnische Rücksichten ab und verweigerte ihre Beteiligung an Wahlen, solange Südafrika seine Streitkräfte nicht abgezogen hatte.
Im September 1978 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 435. Diese erklärte freie Wahlen unter UNO-Aufsicht sowie den Abzug der südafrikanischen Truppen aus Namibia zur Vorbedingung für die Unabhängigwerdung Namibias. Die südafrikanische Regierung macht die Erfüllung dieses Planes vom vorherigen Abzug der in Angola stationierten kubanischen Soldaten abhängig. Im Dezember 1978 fanden ohne die SWAPO und gegen den Willen der UNO Wahlen statt. Dabei erhielt die - 1977 nach Beendigung der Verfassungskonferenz entstandene - Demokratische Turnhallen-Allianz (DTA) die Mehrheit. Allerdings nahm die SWAPO, von der UNO als einzige legitime Vertretung der Bevölkerung anerkannt, an den Wahlen nicht teil und setzte mit Unterstützung Kubas und der DDR den bewaffneten Kampf gegen Südafrika fort. Von der südafrikanischen Regierung wurden der neugebildeten DTA-Regierung jedoch echte Kompetenzen vorenthalten, so daß diese im Januar 1982 resignierte.
1983 schloß sich die DTA mit mehreren Parteien der Mitte zusammen, um erneut zu versuchen, eine interne politische Lösung zu erreichen. Sie wurde 1985 von der südafrikanischen Regierung mit der Bildung einer Interimsregierung betraut. Gleichzeitig wurden die Kompetenzen des Generaladministrators eingeschränkt. Die SWAPO wurde ebenso wie die übrigen Parteien eingeladen, lehnte aber abermals eine Beteiligung ab. Die Übergangsregierung konnte weltweit keine Anerkennung gewinnen. In praktischer Hinsicht jedoch hat sie einen langsamen Übergang zur Eigenständigkeit ermöglicht.
Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen südafrikanischer Armee und SWAPO-Guerilla hielten an. Erst 1988 ergaben sich wieder neue Verhandlungsinitiativen. Am 22.12.1988 vereinbarten die Republik Südafrika, Angola und Kuba international überwachte freie Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung. Für die Sicherheit sollten UN-Truppen und südafrikanische Truppen sorgen. Die SWAPO stimmte diesem Plan zu. Der Unabhängigkeitsprozeß begann am 1.4.89 mit einem Waffenstillstand. Noch im selben Monat drangen SWAPO-Kämpfer von Angola her nach Nordnamibia ein, wurden jedoch von südafrikanischen Truppen zurückgedrängt. Das waren die letzten Kämpfe des 23jährigen Buschkriegs, der etwa 13000 Todesopfer gefordert hat.
Eine 4500 Mann starke UNO-Truppe (UNTAG) traf im Mai 1989 in Namibia ein. Anfang November fanden die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung statt. Die SWAPO erreichte die absolute Mehrheit, verfehlte jedoch die Zweidrittelmehrheit, so daß sie für die Verabschiedung der Verfassung zur Zusammenarbeit mit ihren innenpolitischen Gegnern, besonders mit der DTA, gezwungen war. Schon im Februar 1990 konnte die neue Verfassung ratifiziert werden. Die Unabhängigkeit wurde am 21. März 1990 in Anwesenheit des südafrikanischen Präsidenten gefeiert.
Getrübt wurde die Unabhängigkeits-Euphorie dadurch, daß sich - im Zusammenhang mit der Rückkehr vieler Flüchtlinge, Verschleppter und SWAPO-Dissidenten - die menschenrechtsverletzenden Praktiken der SWAPO (Kindesentführungen, Folter, Mord) nicht länger unter den Teppich kehren ließen. Bis heute ist das Schicksal vieler Opfer ungeklärt.
Die neue Regierung unter Sam Nujoma proklamierte eine Politik der Versöhnung, die sie bisher auch konsequent verfolgt hat. Ein Drittel der Kabinettsitze wurde an Nichtovambo vergeben, sieben Weiße sind in höheren Positionen, darunter ein Minister. Ministerpräsident ist Hage Geingob. Von den 72 Parlamentssitzen sind sechs, von den 23 Ministerien zwei mit Frauen besetzt.
Die nunmehr freundschaftlichen Beziehungen zu Südafrika ermöglichten eine von Namibia gewünschte Korrektur an der Südgrenze. Diese verläuft künftig nicht mehr am Nordufer des Oranje, sondern in der Flußmitte. Auch in dem strittigen Punkt Walvis Bay kam Südafrika Namibia entgegen: 1991 wurde beschlossen, das Territorium gemeinsam zu verwalten. Im November 1992 nahm das gemeinsame Verwaltungsbüro in Walvis Bay seine Arbeit auf und am 1. März 1994 trat Südafrika Walvis Bay an Namibia ab.


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