Geschichte

Nach über hundertjähriger Fremdherrschaft hat Namibia als letztes Land Afrikas 1990 seine Unabhängigkeit erlangt.
Durch Felsbilder und archäologische Funde wissen wir, daß das Gebiet des heutigen Namibia schon sehr lange bewohnt ist. Die ältesten dieser Artefakte werden auf 25000 Jahre datiert. Der jüngst gemachte Fund des 13 Mio. Jahre alten Otavipithecus namibiensis legt sogar die Vermutung nahe, daß auch Namibia zu den Gebieten Afrikas gehört, in denen sich die Entwicklung zum Menschen vollzogen hat. Wer aber die Ureinwohner waren, ist fraglich. Ebenso wenig wissen wir, ob die Phöniker bei ihrer mutmaßlichen Umsegelung Afrikas im 6. /7. Jh. v. Chr. hier gelandet sind, wer die geheimnisumwitterten Felsbilder mit der "Weißen Dame vom Brandberg" geschaffen hat und was sie bedeuten. Ebenso unbekannt ist, seit wann hier Buschleute und Damara, von denen die Europäer des Entdeckungszeitalters berichten, leben.
Vor etwa 3000 Jahren wurden alle Landschaftsräume Namibias von Menschen, die als Jäger und Sammler lebten, genutzt. Diese Menschengruppen standen untereinander in kulturellem Austausch und wiesen in ihrer Lebensweise eine große Flexibilität auf. Sie waren fähig, sich in ihrer Wirtschaftsform und Sozialstruktur je nach Jahreszeit und Umweltbedingungen den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Dokumentiert sind diese vorgeschichtlichen Kulturen in ihren zahlreichen Felsbildern, deren inhaltliche Deutung jedoch Rätsel aufgibt.
In den von den Niederschlägen her etwas günstigeren Gebieten begann vor über 2000 Jahren die Schafhaltung. Wenig später wanderten Nama-Gruppen von Süden her ein. Sie hielten Fettschwanzschafe und, seit etwa 1000 Jahren, Langhornrinder.
Da die Geschichte des alten Afrika nicht in schriftlichen Aufzeichnungen festgehalten wurde, sondern mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde, bleibt das Schicksal dieser alten Kulturen weitgehend im dunkeln.

Zeitalter der Entdeckungen

Ein Raum, von dem bereits in frühester Zeit Impulse ausgegangen sind, die weltweit wirksam werden und den Kolonialismus ganz allgemein fördern sollten, war das Mittelmeer. Der Grund: in seinem Süden lag Afrika. Jahrtausendelang hatte diese gewaltige "terra incognita" als unüberwindliches Hindernis zwischen Atlantik und Indischem Ozean den Händlern der Mittelmeerländer den Seeweg in den Orient versperrt.
An frühen Versuchen, den dunklen Kontinent zu umsegeln, hat es nicht gefehlt. Die Phöniker waren es, die bereits vor mehr als 3000 Jahren mit ihren seetüchtigen "Biremen" und "Triremen" - Segelschiffe mit zwei oder drei zusätzlichen Ruderdecks - bis in den Atlantik vordrangen, wo sie die Kanarischen Inseln und das nordwestliche Afrika erreichten. Sie waren hervorragende Nautiker und segelten schon frühzeitig nach dem Polarstern. Etwa um 600 v. Chr., vor zweieinhalb Jahrtausenden also, ist ihnen dann die Umschiffung Afrikas gelungen. Diese wohl längste Seereise früherer Zeiten dauerte drei Jahre und ging auf einen Befehl des Pharao Nechos zurück. Ihm konnten die Abenteurer berichten, der Kontinent sei überall von Wasser umgeben, außer an der Stelle, wo "Ägypten an Asien grenzt". Diese etwa 170 km lange Landbrücke zwischen Afrika und Asien - die heute seit mehr als einem Jahrhundert vom Suezkanal durchzogen wird - gab einen der Anstöße, den Seeweg nach Osten zu suchen. Um 470 v. Chr. machten sich die Karthager auf den Weg. Mit "60 Galeeren zu je 50 Riemen" ruderten sie zur afrikanischen Westküste, um dort weitere Handelskolonien zu gründen. Angeblich sollen die Schiffe Kolonisten in Stärke von 30000 Männern und Frauen an Bord gehabt haben. Eine Zahl, die im Hinblick auf damalige Schiffsgrößen Zweifel aufkommen läßt.
Griechen und Römer dagegen scheinen sich mit ihren Kenntnissen des "in der Mitte der Erde gelegenen Meeres" - in media terra situs - lange Zeit begnügt zu haben. Dies änderte sich mit den Eroberungen Alexanders des Großen. Der Schüler des Aristoteles drang nach Zerstörung des Perserreiches auf dem Landweg nach Indien vor, wo er, wie andere mit ihm, das Ende der Welt vermutete. Dort veranlaßte er den Bau einer Flotte, mit der sein Admiral Nearchos den Indus abwärts fuhr und dann durch den Persischen Golf bis an die Tigrismündung segelte. (Alexander selbst trat, von seinen Truppen gezwungen, zu Lande den Rückweg an, gelangte jedoch nur bis Babylon, wo er 323 v. Chr. starb.)
Nach der Zerstörung Karthagos 146 v. Chr. übernahm Rom die Rolle der führenden Mittelmeermacht. Die von den Römern auf ihren Eroberungsfeldzügen gewonnenen geographischen Erkenntnisse wurden um die Zeitenwende von dem Griechen Strabo (Strabon) in einer 17-bändigen "Geographica" festgehalten. Und anderthalb Jahrhunderte später schuf der Alexandriner Ptolemäus "ein in großen Zügen richtiges Bild der im Altertum bekannten Welt von China bis Britannien". Nach dem 6. Jahrhundert neuer Zeitrechnung waren es die Araber, von denen Anstöße zu weiteren Entdeckungen ausgingen. Sie benötigten kaum mehr als einhundert Jahre, um im Westen ebenfalls bis zum nördlichen Afrika, nach Spanien und nach Frankreich zu gelangen. Im Osten segelten sie vom Roten Meer bis an die Grenzen Chinas, wobei sie dessen bis zu 60 m langen Handelsdschunken begegneten.
Doch vom südlichen Afrika war noch immer sehr wenig bekannt. "Nicht vom Osten, sondern vom Westen aus glückte das Wagnis, Europa mit Asien zur See zu verbinden. Die Handelseifersucht der Venezianer und Portugiesen wurde das treibende Motiv. Venedigs Flotte nahm in Alexandria in Empfang, was von der Ostküste Vorderindiens in den Nordzipfel des Roten Meeres verschifft, von hier auf Kamelen nach Kairo, von da in Booten nilabwärts zur Küste verfrachtet wurde" (Mayer).
Diesen Handel Venedigs mit Hilfe der Eröffnung eines direkten Seeweges nach Indien lahmzulegen, stellte sich ein portugiesischer Prinz als Aufgabe: Heinrich der Seefahrer (1394 - 1460). Er gründete in dem an der Südwestspitze Portugals gelegenen Sagres eine Seefahrerschule und eine Sternwarte. Behutsam tasteten sich seine Schiffe an der Westküste Afrikas entlang nach Süden und umrundeten 1446 Kap Verde, die Westspitze des afrikanischen Kontinents. An der Küste Guineas entstanden portugiesische Handelsniederlassungen. "Die Westküste Afrikas wurde der große Wegweiser, in seiner Richtung mußte doch am sichersten das Ende der Mauer zu finden sein, die das Westmeer vom Ostmeer trennte."
1485 betrat der Portugiese Diego Câo nördlich der Swakopmündung als erster Europäer südwestafrikanischen Boden. Er errichtete "im Namen seines erhabenen und glorreichen Königs Johannes II. von Portugal" auf der Landspitze des heutigen Cape Cross ein schlichtes Steinkreuz. (Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ließ es 1894 nach Kiel bringen und statt seiner an der Landungsstelle eine Säule errichten.) Die Küste erwies sich als wüst und unwirtlich. Die Verkehrsfeindlichkeit dieser Küste und die wie ein Riegel vor dem zentralen Hochland liegende Namib-Wüste hinderten die Europäer am Eindringen ins Landesinnere, Câo stach sofort wieder in See. Zwei Jahre später fand sein Landsmann Bartolomeo Diaz weiter südlich eine vor der stürmischen Brandung schützende Lagune und nannte sie "Angra Pequena" (Kleine Bucht). Auch er markierte seine Landung mit einem Kreuz, ehe er nach Süden weitersegelte. Schwere Stürme trieben ihn weit in den Atlantik. Als er nach 13 Tagen, die Küste suchend, Ostkurs steuerte, lag vor ihm offenes Meer. Dies war ein untrügliches Zeichen dafür, daß er die Südwestspitze Afrikas umrundet hatte. Doch die Mannschaft zwang ihn umzukehren.
Auf dem Rückweg sichtete er jene Halbinsel, die seine Einfahrt in die indischen Gewässer flankiert hatte. Er landete und gab ihrer Spitze in Erinnerung an die auf dem Hinweg überstandenen Stürme den Namen Cabo Tormentoso. Johannes II. von Portugal machte aus dem Kap der Stürme das Kap der Guten Hoffnung (Cabo de Boa Esperanca), und die Geschichte sollte ihm recht geben: "Das Kap der Guten Hoffnung wurde im Laufe der folgenden Jahrhunderte der Ausgangspunkt einer langsam, aber mit unaufhaltsamer Hoffnungsfreudigkeit vordringenden Erschließung des dunklen Erdteils von Süden her."
Als erstem gelang es dann Vasco da Gama, ebenfalls Portugiese, seine Flotte bis nach Indien zu führen, wo er 1498 in Kalikut an Land ging - sechs Jahre, nachdem Kolumbus, "westwärts nach Osten segelnd", erstmals die Bahamas erreicht und das auf der Weiterfahrt entdeckte Kuba für Japan gehalten hatte. Nun kannte man die geographische Breite des Vorgebirges der Guten Hoffnung. Also steuerte man von der westlichen Spitze Afrikas immer häufiger direkten Kurs zum Kap, vorbei an den unwirtlichen Gestaden des südwestlichen Afrika. "Keiner der Schiffer machte den Versuch, den Strand zu betreten, an dem kein einziger guter Hafen zum Bleiben einlud, und der nur Sand zeigte, nichts als Steine und Sand." So blieb vor allem die Küstenregion selbst noch lange unberührt.
Seit dem 16. Jh. wanderten Bantu vorwiegend vom Nordosten her ein. Ovambo und Kavango wurden im Norden als Ackerbauern seßhaft. Aus dem Gebiet zwischen dem oberen Kunene und dem Cubango (Angola) zogen die Herero im 18. Jh. zunächst in das Kaokoveld im Nordwesten, dann weiter nach Süden und nahmen den mittleren Landesteil als Weidegebiet in Besitz. Damara und Buschleute wurden abgedrängt oder unterdrückt.
Dagegen fanden sich vor der Küste bereits um die Wende zum 18. Jh. holländische, englische und amerikanische Walfänger ein. 1788 sollen nördlich des Kaps nicht weniger als 36 englische und 6 amerikanische Schiffe Tran geladen haben. Der Walfang gab der Walfischbai (Walvis Bay) den Namen. Nachdem die Wale diese Region verlassen hatten, verlegten sich Engländer und Amerikaner auf die Robbenjagd. Gegen 1830 entdeckte der amerikanische Kapitän Morrell auf den vorgelagerten Inseln riesige Guanofelder. Dort, wo die Vögel seit Urzeiten ungestört gebrütet hatten, lag der Guano meterhoch. 1843 kehrte erstmals ein englisches Schiff "mit einer überraschend reichen Ladung wohlbehalten" in seinen Heimathafen zurück. Bereits zwölf Monate später ankerten nicht weniger als 300 Schiffe mit 6000 Mann gleichzeitig vor der Insel Itschabo: dort fand sich Guano in einer Mächtigkeit bis zu 12 m.
Den unmittelbaren Anstoß für den plötzlichen Sturm auf die Guanovorkommen hatte der deutsche Chemiker Justus von Liebig gegeben, der 1840 die Brauchbarkeit des Guanos als Dünger nachweisen konnte. Die Engländer faßten hier in kleinen Ansiedlungen festen Fuß, was später mit der Eingliederung jener vorgelagerten Inseln in die Kapkolonie endgültige Bestätigung fand.
Von 1760 an überschritten, von Süden aus der Kapkolonie kommend, einige Oorlam-Kommandos den Oranje, um sich der Burenherrschaft zu entziehen, und stießen zu den dort schon ansässigen Nama. Die Oorlam waren bereits mit Pferden und Gewehren ausgerüstet und waren dadurch den einheimischen Stämmen überlegen. Aus einer dieser Oorlam-Gruppen unter der Führung von Jager Afrikaaner entwickelte sich eine Dynastie, welche die Geschichte des 19. Jh. entscheidend prägte. 1830 kam es zum Zusammenstoß der Nama mit den Herero, die inzwischen mit ihren großen Herden von Norden bis in die Gegend von Mariental vorgestoßen waren. Jagers Sohn Jonker gelang es, die Herero wieder weit nach Norden zurückzutreiben. Jonker Afrikaaner ließ sich 1840 an den Quellen von Windhoek nieder und legte eine Straße zur Küste nach Walvis Bay an, den "Alten Baiweg". Seine Herrschaft umfaßte zeitweise das ganze heutige Namibia.

Beginn der Kolonialisierung

Im Gegensatz zu der südwestafrikanischen Küstenregion hatte das Landesinnere bereits um das Jahr 1700 Forscher, Händler und Missionare angezogen. 1681 brachten Namas dem südafrikanischen Gouverneur Simon van der Steel mehrere Stücke kupfererzhaltigen Gesteins, das sie in den Bergen ihrer Heimat gefunden haben wollten. Tatsächlich gelang van der Steel vier Jahre später ein Vorstoß in die Kupferberge des Klein-Namalandes.
Klare kolonisatorische Ziele verfolgte 1760 eine Expedition, die von Hendrik Hop, "Hauptmann der Burenmiliz", geleitet wurde. Sie drang in das Groß-Namaland vor, begleitet von einem Botaniker, einem Arzt - der die Mineralien prüfen sollte - und einem Landmesser. Sie dürfte über Warmbad hinaus bis in die Gegend von Keetmanshoop gelangt sein. Ergebnis der Expedition waren wertvolle geschichtliche Daten - Einwanderung von Nama-Stämmen, Pockenpest in Groß-Namaland und die Wohngebiete der Betschuanen östlich der Kalahari. Außerdem lieferte sie sichere Erkenntnisse über reiche Kupferlager, die von den Namas zur Schmuckherstellung genutzt wurden.
Eine 1791 von den Kapholländern gestartete weitere Expedition galt der Goldsuche. Sie führte bis in die Nähe des heutigen Windhoek, vermittelte die Bekanntschaft mit den viehhaltenden Hereros, gab Aufschluß über deren Kämpfe mit den Namas und erbrachte die erste Begegnung mit dem rätselhaften Volk der Bergdamara. Auch stießen die Forscher in der Namib auf Kupfervorkommen. Nur - Gold wurde nicht gefunden.
Diese ersten Vorstöße in das spätere Deutschsüdwestafrika halfen den Bergbau erschließen, der um die Mitte der 1850er Jahre ernstlich in Angriff genommen wurde. Forschung und Mission haben, wechselseitig wirkend, den Boden bereitet, auf dem sich Handel und Siedlungswesen entwickeln sollten.
1805 gründete die London Mission Society im Süden die Station Warmbad, 1844 wurde von der Rheinischen Missionsgesellschaft in der Landesmitte die Station Otjikango ins Leben gerufen. 1871 folgte der Finnländische Missionsverein im nördlichen Landesteil mit der Station Omandongo. Um die Mitte des 18. Jh. begannen mehrere Forscher unabhängig voneinander mit der systematischen Erkundung des inneren Südwestafrika. Eine 1879 von Theophilus gezeichnete Karte offenbarte den Wissensstand jener Tage. Ihr lag zugrunde, was Männer wie James Edward Alexander, Francis Galton, Karl Johan Andersson, der Missionar Hugo Hahn und ein Jäger namens Green erkundet und festgehalten hatten.
Erst ab den 30er Jahren des 19. Jh. hatten einige Europäer die Strapazen des langen Trecks mit Ochsenwagen aus dem Kapland oder von Walvis Bai her in Kauf genommen, um in dem unerschlossenen Land als Händler, Jäger, Missionare und Forschungsreisende zu wirken. Besonders die Händler hatten einen großen Einfluß auf die weitere Entwicklung. Sie lieferten den schon ansässigen Stämmen Waffen, Munition und Alkohol - zum Teil auf Kredit - und verlangten dafür Schafe und Rinder, Straußenfedern und Elfenbein. Dadurch machten sie die Bevölkerung von sich abhängig und trugen indirekt bei zur Verschärfung des Konflikts zwischen den Stämmen um Weidegebiete und um Vieh. Der reiche Wildbestand, schon durch europäische Jäger bedroht, wurde nun wegen der gefragten Güter auch von den Einheimischen dezimiert. Besonders betroffen waren Elefanten und Strauße.
Die Herero wurden von den militärisch überlegenen Nama versklavt. Jonker Afrikaaner, gelegentlich als Schwarzer Napoleon bezeichnet, nutzte überdies die Rivalitäten unter den Herero-Sippen aus. Er verlagerte seinen Sitz nach Okahandja und startete von dort Raubzüge und Überfälle auf die Herero, so daß diese zeitweise der Vernichtung nahe waren. 1858 berief er die allgemeine Friedenskonferenz von Hoachanas ein. Auf ihr wurde ein Stämmebund geschlossen, der eine überparteiliche Klärung von Streitigkeiten vorsah.
Nach den Rechtsvorstellungen der Herero und Nama war - wie in den meisten afrikanischen Kulturen - das Land Gemeinschaftseigentum und konnte nicht verkauft werden, nicht einmal durch den Häuptling. Land konnte nicht Privatbesitz sein, da es als Basis der Gemeinschaft betrachtet wurde. Bei den ersten Übereignungen waren die Verkäufer sicherlich davon ausgegangen, daß es sich nur um ein Überlassen der Nutzung handelte. Nach den ersten Erfahrungen mit Europäern und den dabei getätigten Landverkäufen hatten sich dann die Teilnehmer der Friedenskonferenz von Hoachanas 1858 ausdrücklich verpflichtet, solche Verkäufe nicht zu tätigen. Trotzdem nutzten viele Häuptlinge weiterhin diese Möglichkeit, zu Waffen und Munition zu kommen und sich militärischen Beistand gegen andere Stämme zu sichern.
In den 60er Jahren machten sich dann auch die Herero mit Gewehren vertraut und erstarkten in einem siebenjährigen Krieg zum wichtigsten Volk des Gebiets.
1870 begann mit dem Frieden von Okahandja eine zehnjährige Friedenszeit unter der Vorherrschaft des Herero-Häuptlings Maherero und unter starkem Einfluß der Rheinischen Mission. 1880 brachen erneut Kämpfe zwischen Herero und Nama aus. Kamaherero richtete dabei ein großes Blutbad unter den Nama an, dem ein junger Mann entkam, Hendrik Witbooi, der sich später in den Auseinandersetzungen mit der deutschen Kolonialmacht zu einer imponierenden Führerpersönlichkeit entwickelte.
Ermutigt durch die Ergebnisse der landeskundlichen Forschung und durch die Friedensbürgschaft der Rheinischen Mission, ging 1855 eine englische Bergwerksgesellschaft daran, die Kupferlager im Khomashochland auszubeuten, scheiterte jedoch an den Transportschwierigkeiten. 1858 erwarb K.J. Andersson die Mine. Unter seinem Einfluß trat nun der Handel des Schutzgebiets in ein Abenteurerstadium, das mit der Führerrolle des Schweden als eines Feldherrn der Hereros gegen die Namas einen unrühmlichen Höhepunkt erreichte. Auf seinen Wanderzügen, so berichtete Meyer, habe Andersson zwar als Jäger ein reiches Handelsfeld eröffnet, dieses aber so gewissenlos ausgebeutet, daß "ein nennenswerter Handel mit Wildfellen und Elfenbein... wohl nie wieder aufkommen wird". Demgegenüber habe der Viehhandel in den riesigen Rinderherden der Hereros eine unerschöpfliche Quelle gehabt und in der Kapkolonie einen guten Absatzmarkt gefunden. Dennoch verlor Andersson Vermögen, Ansehen und Einfluß. Der Grund: Die Namas vergalten seine Verbrüderung mit den Hereros, indem sie seine Viehtransporte überfielen. Damit war, so die Kolonialliteratur, die Stunde der deutschen Missionare gekommen.
"Mit der Übernahme des Andersson'schen Besitzes durch die Station Otjimbingwe der Rheinischen Missionsgesellschaft 1865 erhielt der Handel, der bisher auf skrupellose Ausbeutung der Eingeborenen abzielte, eine Richtung, die ihn in dem Streben, gegenseitig Nutzen zu stiften, zum Kulturfaktor machte. Vor allem wurde die Branntweineinfuhr bekämpft und mit dem Verkauf von Werkzeugen, Geräten und Rohwaren zu Handwerkerarbeit den Eingeborenen auch materiell ein Weg zu menschenwürdigerem Dasein gewiesen. Die (1868 gegründete) deutsche Missions-Handelsaktiengesellschaft... hätte den ganzen Handel im (späteren) Schutzgebiet an sich ziehen und zu einem kulturellen wie politischen Machtmittel des Mutterlandes ausgestalten können...". Offensichtlich fehlte es an einem "weltklugen und energischen Organisator".
"Trotzdem schulden wir den deutschen Missionaren in Südwestafrika Dank, denn sie hielten mit ihrer überlegenen Kenntnis des Charakters und der Bedürfnisse der Eingeborenen... uns Deutschen einen Trumpf in der Hand, gegen den die Konkurrenten nichts ausspielen konnten." Wer die Konkurrenten waren, lag auf der Hand. 1876 streckten "England und die Regierung der Kapkolonie ihren Arm über den Oranje", den Grenzfluß zwischen Süd- und Südwestafrika. Kommissar Coates Palgrave formulierte, sehr geschickt, eine Petition der Hererokapitäne um englischen Schutz, das Londoner Kabinett wurde aufmerksam, und am 12. März 1878 erklärte Kommodore Sullivan die Walfischbai und das Land 15 Meilen im Umkreis für britischen Besitz.
Obwohl die Missionshandelsgesellschaft bereits 1873 aufgelöst worden war, blieb die Vorherrschaft der deutschen Mission im Lande bestehen. Die Engländer versuchten zwar, Händler, die zu den Deutschen hielten, mit hohen Steuerlasten, Waffen- und Munitionseinfuhrverboten und Branntweinlizenzen zu bestrafen, doch müssen sie infolge mangelnder Kenntnis der Eingeborenenlage bei der Agitation unter den Herero- und Namakapitänen schwere diplomatische Fehler begangen haben, denn letztlich verdarben sie es sich gleichzeitig bei Weißen, Schwarzen und Gelben. Immer lauter werdende Klagen und Schutzforderungen gegen Übergriffe der Eingeborenen veranlaßten England und die Kapregierung im Jahre 1880 - nicht zuletzt unter dem Eindruck der gewaltsamen Vertreibung Palgraves durch die Namas -, ihre Beamten zurückzuziehen und sich lediglich die Walfischbai vorzubehalten.

Lüderitz und Bismarck

Die Besitzergreifung durch das Deutsche Reich ging Mitte der 80er Jahre des 19. Jh. vor sich.
Am 1. Mai 1883 ließ der Bremer Kaufmann Franz Adolf Lüderitz, nachdem er zuvor dem Kaiserlichen Auswärtigen Amt Mitteilung gemacht und um "Reichsschutz" gebeten hatte, durch seinen Beauftragten Vogelsang an der Südwestküste Afrikas von einem Kapitän Joseph Fredericks die Bucht Angra Pequena "samt ihrer... Umgebung (von fünf Meilen in allen Richtungen) und sämtlichen Hoheitsansprüchen für 100 Pfund Sterling in Gold und 200 (Wesley-Richard-) Gewehre plus Zubehör" kaufen (Vertragstext) und "gründete dort eine Zweigniederlassung seines Bremer Kaufhauses" (Meyer). Diese Darstellung des Erwerbs der ersten deutschen Kolonie findet sich in zahlreichen alten und einigen neueren Quellen. Sie hat zur Entstehung einer Lüderitz-Legende beigetragen, die dem Bremer eine kolonialpolitische Weitsicht zuspricht, wie sie dieser allein schwerlich hätte entwickeln können.
Lüderitz, 1834 in Bremen als Sohn eines Tabakhändlers geboren, hatte nach dem Besuch einer Handelsschule und dreijähriger Lehrzeit im väterlichen Geschäft als 20jähriger den Alten Kontinent verlassen. Er bereiste die Tabakmärkte in Virginia und Kentucky und fand schließlich an der Westküste Mexikos in einem Bremer Handelshaus Anstellung. Dort führte er "das Leben eines jungen Auslandsdeutschen", "der sich unter Farbigen als Herr fühlt und im Reiten... seine Ausspannung sucht". Nach dem finanziellen Zusammenbruch des Unternehmens versuchte sich Lüderitz als Rancher, anfänglich nicht einmal ohne Erfolg. Dann aber wurde "während einer der üblichen Revolutionen" seine Ranch geplündert, er selbst konnte, angeschossen, entkommen. Der Abenteurer, "Glücksritter und Kaufmann" kehrte 1859 nach Bremen zurück, nunmehr notgedrungen bereit, ein "ehrsamer Kaufmann zu werden" - in den Augen des strengen Vaters viel zu spät. Die Ehe mit einer reichen Bremerin machte ihn finanziell unabhängig. 1878 erbte er nach dem Tod seines Vaters dessen Geschäft. Er erwarb ein Landgut und führte nun ein Leben "halb als Tabakhändler und halb als Gutsherr". Als dann das Bremische Handelshaus Bellois für seine Faktoreien an der Goldküste und an der Sklavenküste Geld brauchte, beteiligte er sich sofort "und durfte schon 1882 die Faktorei in Lagos so gut wie sein eigen nennen".
Im gleichen Jahr lernte er den 20jährigen Kaufmannsgehilfen Heinrich Vogelsang und, wenig später, einen Kapitän namens Karl Timpe kennen, der mehrmals die afrikanische Westküste befahren hatte. Auch Vogelsang kannte sich trotz seiner Jugend in West- und Südafrika aus. Er schlug dem fast 50jährigen Lüderitz vor, dieser solle ihn in Westafrika "eine gewinnbringende Faktorei" anlegen lassen. Lüderitz lehnte ab. Einen anderen Vorschlag machte Kapitän Timpe. Lüderitz möge "eine schmucke Brigg kaufen und ihn mit ihr an die Küste von Südwestafrika senden, damit er von den Wilden Landesprodukte gegen billige europäische Waren eintauschen" könne. Und der Seemann fügte hinzu, das Land dort sei doch sehr trocken, und "durch Mitnahme von Bier und Genever lasse sich diesem Übelstand befriedigend abhelfen".
Nach einem Blick auf die neueste Afrikakarte beschloß Lüderitz, dort eine deutsche Kolonie zu gründen, "damit der jährlich wachsende Auswandererstrom seines Volkes nicht auf fremdem Boden verlorengeht. Eine Siedlungskolonie, nicht eine Faktorei - ein Volksunternehmen, nicht ein Geschäft".
Vogelsang erklärte sich bereit, nach Südwest zu gehen "und den dortigen Häuptlingen Land abzukaufen". Im Dezember 1882 reiste er über London nach Kapstadt, wo er sich als wohlhabender Weltenbummler ausgab. Schon bald erfuhr er, daß der gesamte Küstenbereich zwischen den Flüssen Oranje und Kunene angeblich niemandem gehöre - mit Ausnahme der englischen Walfischbai. Was er sonst noch in Erfahrung brachte, war wenig ermutigend. Die Handelsaussichten im Nama- und Damaraland seien schlecht, zwischen Namas und Hereros herrsche Krieg. Elefanten und Strauße seien fast ausgerottet. Allenfalls im Viehhandel und in der Gewinnung von Kupfer böten sich einige Aussichten. Der beste Hafen für Namaland sei die Bucht von Angra Pequena, die zwar einem Namakapitän in Bethanien gehöre, aber wohl käuflich zu erwerben sein werde. Ein Dr. Hahn riet dem jungen Vogelsang zu Waffenlieferungen an die Namas, um diesen zum Siege zu verhelfen und dadurch "friedliche Zustände" herbeizuführen. Noch besser aber sei es, in Kapstadt zu bleiben und sein überflüssiges Geld in einer Schnapsfabrik anzulegen. Vogelsang jedoch hatte nur ein Ziel: Angra Pequena.
Inzwischen war Kapitän Timpe mit der von Lüderitz erworbenen und mit Tauschwaren beladenen 260-t-Brigg "Tilly" in Kapstadt eingetroffen. Vogelsang heuerte eine Schar junger Abenteurer an, ließ Ochsenwagen, Zelte, Wasser und Proviant laden und stach am 5. April 1883 in See - Richtung Süden. Niemand in Kapstadt kannte das Ziel seiner Reise. Erst außer Sichtweite nahm die "Tilly" Nordkurs und ging vier Tage später in der Außenbucht von Angra Pequena vor Anker. Vogelsang begab sich unverzüglich ins Landesinnere und traf nach fünftägigem Ritt den Namakapitän Joseph Fredericks von Bethanien, mit dem er am 1. Mai und am 25. August zwei "Verträge" schloß. Nach denen gehörte "ein Landstreifen an der Küste in der Breite von 20 Meilen vom Oranjefluß bis zum 26. Grad südlicher Breite, die Bai von Angra Pequena einbegreifend,... seinem Herrn Adolf Lüderitz, Kaufmann in Bremen, zu erb und eigen". Dabei täuschte er Fredericks, der nur die englische Meile à 1,6 km kannte und nicht wußte, daß die geographische Meile 7,4 km, also fast 5 englische Meilen maß. Anstelle einer Unterschrift trugen die Verträge ein schlichtes Kreuz als "Handzeichen des Kapitäns". Am 15. Juni 1883 traf in Bremen ein Telegramm Vogelsangs aus Kapstadt ein: "Land von Chief gekauft gegen einmalige Zahlung."
Jetzt fühlte sich Lüderitz im Sattel und beeilte sich, den Schutz des Reiches für seine Erwerbung zu erlangen. Den Schutz der Niederlassung, so ließ Berlin den Bremer wissen, werde er erhalten, sobald er einen Hafen erworben habe, auf den keine andere europäische Nation Ansprüche erhebe. Bismarck wollte sich in London vergewissern, ob England etwaige Forderungen geltend mache. Nach zweimaliger Anfrage erhielt er am 21. November 1883 die Antwort des Foreign Office, in der es u.a. hieß: "... Nunmehr habe ich die Ehre, Ew. Exzellenz mitzuteilen, daß, obwohl die Souveränität Ihrer Majestät (gemeint: die Königin von England) nicht längs der ganzen Küste, sondern nur an bestimmten Punkten, wie Walfischbai und auf den Inseln von Angra Pequena, proklamiert worden ist, die Königlich großbritannische Regierung doch der Ansicht ist, daß irgendwelche Souveränitäts- oder Jurisdiktionsansprüche einer fremden Macht auf das Gebiet zwischen der südlichen Grenze der portugiesischen Oberhoheit am 18. Breitengrad und der Grenze der Kapkolonie in ihre legitimen Rechte eingreifen würde...".
Auf deutscher Seite erregte man sich: "Mit anderen Worten, kraft eines lediglich den Briten zustehenden "Besitznaturrechts" sollte schon die Nähe englischen Gebiets die Besitzergreifung herrenlosen (!) Nachbarlandes durch ein anderes Volk verbieten". Immerhin hatte Bismarck bereits am 18. August 1883 den Kaiserlichen Konsul Lippert in Kapstadt von den Lüderitzschen Unternehmungen in Kenntnis gesetzt. Dabei hatte er ihn ersucht, Lüderitz mit seinem Rat beizustehen "sowie seinem Unternehmen konsularischen Schutz" zu gewähren. "Bezüglich der Grenzen", so (nach Hassert) Bismarck an Lippert, "welche Sie in letzter Beziehung einzuhalten haben, bemerke ich, daß Herr Lüderitz auf den Schutz der Kaiserlichen Regierung wird rechnen können, soweit sein Unternehmen sich auf wohlerworbene Rechte stützt und nicht mit früheren Rechtsansprüchen, sei es der einheimischen Bevölkerung, sei es der benachbarten Engländer, kollidiert." Im Januar 1884 erfuhr Bismarck von dem Kommandanten des nach Angra Pequena entsandten Kanonenbootes "Nautilus", daß die - in engem Kontakt mit Cecil Rhodes stehende - Kapregierung höchstwahrscheinlich nicht nur "Lüderitzland", sondern die gesamte Südwestküste Afrikas bis hinauf zu den portugiesischen Besitzungen annektieren wolle. Daraufhin sandte er am 24. April 1884 an den deutschen Konsul in Kapstadt jenes denkwürdige Telegramm, das den Beginn der deutschen Kolonialgeschichte markierte.
Hasserts Kollege von der Universität Leipzig, Hans Meyer - Verleger, Geograph, Afrika- und Andenforscher, Erstbesteiger des Kilimandscharo und Enkel jenes Joseph Meyer, der "Meyers Konversationslexikon" schuf - hat Bismarcks Kontakte mit London und damit die Vorgeschichte des "Kolonialtelegramms" anders dargestellt: "Eine vorhergegangene Anfrage des Deutschen Reiches an das Londoner Auswärtige Amt, ob England deutschen Ansiedlungen in Südwestafrika Schutz zu gewähren in der Lage sei, war verneint worden; das mußte trotz allen Tobens der Engländer am Kap als politischer Verzicht des Mutterlandes (England) auf Ausdehnung seines Besitzes in das innere Herero- und Namaland (d.h. den südlichen Teil Südwestafrikas) gelten, und da sah Bismarck die Stunde der Tat gekommen." Sein an den deutschen Konsul in Kapstadt gerichtetes Telegramm lautete: "Nach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden (des Kaplandes), ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranje Anspruch auf deutschen Schutz haben. Sie (gemeint: der Konsul) wollen amtlich erklären, daß er (Lüderitz) und seine Niederlassungen unter dem Schutze des Deutschen Reiches stehen. Gez. v. Bismarck." Diese Depesche ließ den im allgemeinen um Sachlichkeit bemühten Leipziger Professor denn doch ins Schwärmen geraten: "Mit diesem Telegramm vom 24. April 1884... schenkte der Kanzler Deutschland die erste Kolonie und gab der Welt das Alarmsignal zu jenem beispiellosen Wettbewerb, der innerhalb weniger Jahre einem ganzen, bisher (mit Ausnahme von Küstengebieten) fast neutralen Erdteil jetzt bis tief ins dunkle Innere mit den Farben aller konkurrierenden Kolonialmächte ein politisches Gesicht gab. Dabei ist festzuhalten, daß unsere Initiative nach völligem Fiasko aller freihändlerischen Ideen von offenen Türen in herrenlosem Besitz, nach trübsten Erfahrungen unserer ersten Handelshäuser im atlantischen und im Südseegebiet, von dem eisernen Zwang diktiert wurde, unseren überseeischen Handel mit dem Schild des geeinten Vaterlandes zu decken. Dem Ruf des Kaufmanns ist das Reich gefolgt."
Dieses Reich demonstrierte seine Schutzbereitschaft zunächst mit der Entsendung dreier Kriegsschiffe. Am 7. August 1884 gingen an der Küste des ersten deutschen Kolonialgebietes S.M.S. ("Seiner Majestät Schiffe") "Elisabeth" und "Leipzig" vor Anker. Unter Führung des Kapitäns zur See Herbig - der den erkrankten Kapitän z. S. Schering vertrat - landete eine Abteilung Marinesoldaten, hißte "im allerhöchsten Auftrag" die deutsche Reichsflagge auf schwarz-weiß-rotem Pfahl und stellte damit das "Territorium Lüderitz unter den Schutz und die Oberherrlichkeit Sr. Majestät Kaiser Wilhelms I.". S.M.S. "Wolf", das dritte Schiff, setzte gleichzeitig die deutsche Flagge an der ganzen weiter nördlich gelegenen Küste bis Kap (heute: Kaap) Frio - mit Ausnahme der in englischem Besitz befindlichen Walfischbai. Lüderitz selbst hatte seine über Vogelsang erworbenen Besitzungen erstmals im Oktober 1883 besucht. Er war über Kapstadt nach Angra Pequena gereist und mit dem Ochsenwagen bis Bethanien vorgedrungen, wobei er "sein Reich in 14tägiger mühseliger Wanderung kennenlernte". Die Namas sollen ihn gebeten haben, "einen Kaufladen anzulegen", und schenkten ihm sieben Morgen Land, damit er "durch einen Sachverständigen die Eingeborenen im Landbau unterrichten lasse". Auf dieser Reise erkannte Lüderitz, daß sich "Südwest nicht als Siedlungskolonie großer deutscher Auswanderermengen eignete". Deshalb richtete er "seinen Blick... auf Sululand" (heute als "Bantu-Homeland" zum südafrikanischen Natal gehörend) und die an dessen Küste liegende Bai Santa Lucia, die er beide für "Nobodies Land" hielt. Der Erwerb scheiterte letztlich, weil Bismarck sich entschlossen hatte, zugunsten englischer Zugeständnisse in Kamerun und Neuguinea auf St. Lucia zu verzichten.
Lüderitz, "auf Südwestafrika zurückgeworfen", schickte schon 1884 mehrere Expeditionen aus, die einerseits weitere Kaufverträge mit Häuptlingen abschließen, zum anderen nach nutzbaren Rohstoff-Lagerstätten forschen sollten. "Laut Vertrag" erwarb er am 19. August 1884 von dem Topnaer Kapitän Piet Habib einen zwischen dem 22. und dem 26. südlichen Breitengrad gelegenen Küstenstreifen von 20 Meilen Breite, am 16. Mai 1885 von dem Kapitän Jan Jonker Afrikaaner dessen bis Windhoek reichendes Gebiet und am 19. Juni bzw. 14 Juli 1885 von den Kapitänen Cornelius Zwartbooi und Jan Uichimab das sog. Kaokoveld.
Weitere Landkäufe folgten, so daß Lüderitz schließlich "dem Reiche ein Gebiet von etwa 580000 km² mit 200000 Einwohnern zugebracht" hatte. Doch er wurde darüber ein armer Mann. Der Tauschhandel mit den Eingeborenen brachte keinerlei Gewinn, zumal die deutschen Waren den englischen an Qualität erheblich nachstanden. Die letzten Hoffnungen des Bremers stützten sich auf die Entdeckung und den Abbau nutzbarer Mineralien. Doch keine seiner aufwendigen Expeditionen wurde fündig. Zudem traf ihn 1885 mit dem Untergang seiner Brigg "Tilly", die Waren und kostspielige Bohrgeräte geladen hatte, ein weiterer schwerer Schlag. Schließlich mußte er "seine Kolonie", in die er fast eine Million Goldmark gesteckt hatte, am 4. April 1885 für 300000 Mark in bar und 200000 Mark in Anteilscheinen an die neu gegründete Südwestafrikanische Gesellschaft abtreten. Das Bargeld entsprach genau der Summe, die er von seinen Verwandten geliehen hatte. Daß er ein Milliardenvermögen verloren hatte, ahnte er wohl nicht.
Trotzdem reiste er im Mai 1886 - mit geliehenem Geld - ein zweites Mal nach Südwest, entschlossen, im Süden des Landes zwischen Angrabucht und Oranje selbst nach Mineralien zu suchen. Zugleich wollte er die Oranje-Mündung auf Schiffbarkeit und das nördliche Flußufer auf seine Eignung als Siedlungsgebiet prüfen. Im Zuge dieses Unternehmens versuchte er, gemeinsam mit einem Seemann, in einem kleinen Boot von der Oranje-Mündung nach Angra Pequena zu segeln. Die beiden blieben verschollen. Dabei wurde nie geklärt, ob sie am 24. Oktober 1886 einem aufkommenden Nordweststurm zum Opfer fielen oder aber - so ein Jahre später verbreitetes Gerücht - die Küste zwar erreichten, jedoch von Eingeborenen getötet wurden.


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