25.07.98 Mr. Marvellous

Mehr als zwei sonnige oder wenigstens trockene Tage hintereinander geht scheinbar wirklich nicht, denn heute morgen regnet es wieder einmal. Das ist heute allerdings nicht ganz so tragisch, denn wir wollen einige Kilometer hinter uns bringen.

Wir verabschieden uns von der Villa, in der wir geschlafen haben und fahren in Tralee auf die größtenteils autobahnähnlich ausgebaute Nationalstraße N21. Dieser folgen wir nach Nordosten bis Adare, einem kleinen Ort ungefähr 20 Kilometer vor Limerick. Angeblich wird teilweise in der Literatur behauptet, dies sei eines der schönsten Dörfer Irlands. Wir stimmen allerdings eher dem einen Reiseführer zu, der meint, daß sich kaum das Anhalten lohne. Außer einer - doch recht interessanten - Kirche, die alte und neue Bauelemente ganz gelungen vereint, gibt es an einigermaßen Sehenswertem nur ein paar reetgedeckte Cottages, die aber natürlich alle touristisch aufgemacht sind.
Wir verlassen also diesen Ort und fahren ins Zentrum von Limerick, wo wir unser Auto in einem Parkhaus abstellen und zu Fuß lostigern. Die kleine Runde führt uns durch die Patrick Street zu St. Mary’s Cathedral, die wir natürlich besichtigen. Weiter geht’s zum King John’s Castle, das allerdings eine große Enttäuschung ist. Mitten zwischen den mittelalterlichen Türmen wurde ein moderner Glaspalast errichtet, der zum Schloß paßt wie die Faust aufs Auge. Um das Maß voll zu machen, hängen vor den Glasscheiben auch noch riesige rote Fahnen. Wir weigern uns, dieses Bauwerk zu betreten und überqueren den Shannon.
Am rechten Ufer wandern wir hinunter zur Sarsfield Bridge, auf der wir ins Zentrum zurückkehren. An der Ecke zur Patrick Street kehren wir in einem Café ein - gerade noch rechtzeitig, da sich schon seit der Kathedrale die Schmerzen in meinem Knöchel so gesteigert haben, daß ich keinen Meter mehr hätte laufen können. Wenn Sigrid und Werner noch mehr von Limerick hätten sehen wollen, dann hätte ich hier auf sie gewartet. Aber auch ihnen reicht es, und so kehren wir nach dieser Rast zum Auto zurück.

Wir fahren nördlich des Shannon nach Westen zum Bunratty Castle. Dieses besichtigen wir von außen - in den Touristenrummel im Innern will sich keiner von uns stürzen. Bei der nächsten Ausfahrt hinter Bunratty verlassen wir dann die Autobahn. Dies ist die "heißeste" Autobahnausfahrt, die ich je gesehen habe. Die Ausfahrt führt vom rechten Fahrstreifen, bei Linksverkehr also der Überholspur, in den Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrbahnen. Dann muß die Gegenfahrbahn leicht schräg überquert werden, um auf die Landstraße zu kommen. Wir überstehen dieses Abenteuer und fahren, jetzt wieder auf "irischeren" Straßen als vorher die Autobahn, zum Craggaunowen-Projekt.
Dies ist ein Freilichtmuseum, in dem die verschiedenen Stadien der irischen Besiedlung gezeigt werden - vom Pfahlbautendorf der Frühzeit über ein Ringfort der Eisenzeit bis zur mittelalterlichen Burg. Auf der Weiterfahrt verfehlen wir wieder einmal eine Abzweigung und landen - eigentlich nicht absichtlich - in Quin.

Nachdem wir nun einmal da sind, besichtigen wir auch die Abtei. Diese wurde in eine ältere Burg hineingebaut und die Burgmauern in den Bau mit einbezogen. Allerdings kommen wir ins Innere der Kirche nicht hinein, da wir zu spät dran sind. Der Kassierer hat bereits Feierabend gemacht und das Gittertor zum Kreuzgang geschlossen. Wir besichtigen eben, was es so zu besichtigen gibt und suchen uns dann am Ort ein B&B.

Zum Essen geht es in die Abbey Tavern, anschließend ins Pub ein Zimmer weiter. Wir planen bereits einen frühen Rückzug ins Bett, als sich zwei Amerikaner - Mutter und Sohn - zu uns setzen. Für die beiden ist es nach einwöchigem Aufenthalt in Irland der letzte Abend vor ihrem Rückflug. Wir unterhalten uns angeregt, vor allem übers Reisen. Dabei wird die ganze Welt abgedeckt, von Südeuropa über Irland und Island nach Amerika, dort quer durch und über Indonesien und Afrika nach Hause.

Leider beginnt dann auch noch - zum Glück recht spät - ein Musikant zu dudeln, den Amerikanern gefällt es, uns weniger. Wir sind allerdings auch durch die Sänger der letzten beiden Abende verwöhnt. Vor allem Bob findet hier in Irland sowieso alles marvellous. Da durch das Gespräch mit unseren neuen Freunden der Abend feuchter wird und länger dauert als geplant, ist es dann schon wieder nach 23 Uhr, bis wir in die Betten kommen.

26.07.98 Quodlibet

Nach einer relativ kurzen Nacht begrüßt uns Bob, als er zum Frühstück kommt (er und seine Mutter haben im gleichen Haus übernachtet wie wir), mit den Worten "the last beer was a killer!".

Wir verabschieden uns von den beiden Amerikanern und der netten Hauswirtin und fahren weiter. Die Durchquerung von Ennis ist überhaupt kein Problem, da es Sonntag vormittag ist und wir entsprechend wenig Verkehr haben.
Erstes Ziel am heutigen Tag ist Dysert o’Dea. Wir parken am Castle und gehen, wohlerzogen wie wir sind, erst mal zur Kasse. Sehr erstaunt stellen wir fest, daß zwar die Burgbesichtigung Eintritt kostet, nicht aber der Besuch der anderen historischen Stätten. Allerdings leisten wir uns für £1.75 ein Übersichtskärtchen des Gebiets, dann wandern wir los. Zu Fuß besuchen wir die Kirche mit Friedhof, halbem Rundturm und Hochkreuz. An der Kirche hat es ein Portal mit gesteinmetzten Menschen- und Tierköpfen, am Hochkreuz blickt der Bischof grimmig drein, weil ihm ein Arm fehlt.
Anschließend fahren wir mit dem Auto zur Rath Church - bei uns "Rattenkirche" -, einem weiteren Objekt des archäologischen Projekts Dysert o’Dea. Dort halten wir uns aber nicht sehr lange auf, da es gerade wieder einmal regnet.

Wir fahren bis Corofin auf der Nebenstraße an der die Rath Church liegt, dann weiter auf der Regionalstraße. Am Leamaneh Castle möchte Sigrid ein Foto machen, deshalb geraten wir aus Versehen - und ohne Foto - auf die Straße nach Norden, die am Poulnabrone Dolmen vorbeiführt.
Wir ändern kurzfristig unsere Pläne und fahren dorthin. Zuerst befürchten wir, den Dolmen nicht finden zu können, da ich mich an seine genaue Position nicht erinnern kann. Dann müssen wir feststellen, daß er überhaupt nicht zu verfehlen ist. Wegen des dortigen Verkehrschaos ist es unmöglich, einfach so vorbeizufahren. Da aber keine Parkmöglichkeit für uns übrig ist - und wir auch keine Lust haben, uns ins Menschengetümmel schlimmer als auf dem Jahrmarkt zu mischen - betrachten wir das Hünengrab nur von der Straße aus. Wir schlängeln uns zwischen geparkten Autos und entgegenkommenden Bussen durch und verlassen fluchtartig diesen Platz.
Wenige Kilometer weiter ist es schon wieder relativ einsam, uns wir halten an, um die - für irische Verhältnisse - Mondlandschaft des Burren auf uns wirken zu lassen.

Auf der Weiterfahrt biegen wir in Ballyvaughan links ab auf die Küstenstraße entlang der Galway Bay. Am Black Head legen wir noch einmal einen Fotostop ein, es gibt einen herrlichen Blick auf die Aran Islands. Dann durchqueren wir Doolin und kommen schließlich zu den Cliffs of Moher. Auch dort ist natürlich ein riesiger Menschenauflauf - es wirkt wie Almabtrieb.
Trotz der Menschenmassen sind die Klippen, fast 200 Meter hoch, wirklich beeindruckend. Wir spazieren vom Parkplatz beim Visitor Center (wo denn sonst?) zum O‘Briens Tower und zurück in den ersten Sattel. Während Sigrid und Werner noch ein Stück weitergehen, verbringe ich die Zeit auf der Steinterrasse in den Klippen. Als Sigrid und Werner zurück sind, fahren wir weiter. Wir durchqueren Liscannor und besichtigen - im Vorbeifahren - die Kilmacreehy Church. Danach biegen wir links ab auf ein kleines Sträßchen, das die Landzunge der Cliffs of Moher durchschneidet und landen - trotz einiger Zweifel an meinen Navigationskünsten von Seiten Sigrids und Werners - direkt in Doolin.

Wir durchfahren das Unterdorf und suchen uns im Oberdorf ein Quartier. Bei Tee bzw. Kaffee erzählt uns unsere Hauswirtin einiges über das Dorf und seine Lokale, dann ziehen wir los, es selbst in Augenschein zu nehmen. Nach einem Spaziergang ins Unterdorf und zurück landen wir in McGann’s, einer bekannten Musikkneipe. Das Essen dort ist gut, doch beim Trinken müssen wir haushalten, da uns das Bargeld knapp wird.
Nach längerer Wartezeit packen dann nach 21 Uhr endlich die Musiker aus und beginnen zu musizieren. Es sind ein Gitarrist, ein Flötist (Holzquerflöte), zwei Fiedler, ein Banjo und ein kleiner Junge mit Bodhran. Kurz darauf gesellen sich aus dem Publikum noch ein Trommler und ein Flöter dazu. Diese Musikanten fieldeln mit unterschiedlicher Begeisterung - sowohl bei sich als auch bei uns - mehr oder weniger vor sich hin. Die Stücke klingen alle ziemlich gleich, oft hat man den Eindruck, jeder spielt etwas anderes; auch mit dem gemeinsamen Aufhören haben sie so ihre Schwierigkeiten. Als unser Geld zu Ende ist, packen wir unsere Habseligkeiten und marschieren durch den Regen nach Hause.

27.07.98 Wendepunkt

Beim Kassensturz stellt Werner fest, daß er gestern nicht £50 auf die Seite gelegt hat, um heute unser Zimmer zu bezahlen, sondern nur 40. Gestern schon haben wir von unserer Wirtin erfahren, daß der nächste Geldautomat in Ennistymon liegt, gut 20 Minuten Fahrzeit von Doolin. Wir beschließen, daß nach dem Frühstück Sigrid als "Pfand" zurückbleibt, während Werner und ich Geld holen fahren - so ein Aufwand wegen fehlender £8! Während wir beim Frühstück sitzen und ein paar Amerikaner, die im gleichen Haus übernachtet haben, ihr Gepäck ins Auto schaffen, hat Sigrid eine glorreiche Idee. Sie bietet denen die paar US-$, die sie dabei hat, zum Kauf an. Sie hat 15$ dabei, für die sie genau die uns fehlenden £8.- bekommt. Damit hat der Amerikaner ein gutes Geschäft gemacht, Sigrid - die die Dollar vor längerer Zeit mal günstig gekauft hatte - ist mit einem blauen Auge davongekommen, und uns bleibt die Fahrerei zum Geldautomat und zurück erspart.

Ennistymon und dieser Geldautomat sind zwar immer noch unser erstes Ziel, aber wir müssen dann nicht mehr zurück nach Doolin. Nachdem wir unsere Geldbeutel vollgetankt haben, fahren wir auf der Nationalstraße nach Norden, durchqueren noch einmal den Burren und umrunden dann die Galway Bay.
In Kinvara machen wir Rast, besichtigen den kleinen Hafen und trinken in einem Café eine Kleinigkeit. Auf der Weiterfahrt stellen wir erfreut fest, daß Galway inzwischen eine - auf meiner alten Landkarte nicht eingezeichnete - autobahnähnlich Umfassung mit einer Unmenge von Roundabouts besitzt.

Dann fahren wir wieder am Ufer der Galway Bay entlang, dieses Mal am Nordufer und nach Westen. Gegenüber sehen wir Black Head, bei dessen Leuchttürmchen wir gestern angehalten haben. Immer am Wasser entlang geht es nach Westen, dann, als uns dort das Land ausgeht, nach Norden - zum Teil am Meer, zum Teil an Binnenseen und -seechen entlang, oft die Berge von Connemara vor Augen. Wir halten uns immer auf der Küstenstraße, umfahren Halbinseln, kürzen an kleinen Landzungen ab. Unterwegs müssen immer wieder Fotostops eingelegt werden. In Cashel - das mit dem Rock of Cashel aber nichts zu tun hat - gibt es in einem Pub noch einmal etwas zu trinken und auch ein Sandwich zu essen. Nach einem weiteren Fotostop in Roundstone kommen wir am späten Nachmittag in Clifden an.

In diesem - laut Reiseführer - kleinen und verträumten Nest ist die Hölle los, aller voller Touristen, wir brauchen einige Anläufe, um ein Zimmer zu bekommen. Endlich untergekommen, ziehen wir wieder los, um den Ort ein wenig anzusehen und etwas zum Essen zu bekommen. Nach fast zwei Umrundungen des Häuserblocks, der das "Stadtzentrum" bildet, finden wir ein kleines, bistroähnliches Lokal, in dem uns Speisekarte und Preise einigermaßen zusagen. Überall dort, wo "Restaurant" über der Tür steht, ist alles furchtbar teuer. Anschließend ziehen wir um in ein Pub, um in gemütlicherer Atmosphäre noch etwas zu trinken. Dort gebe ich dann vorzeitig auf, und Werner begleitet mich ins Quartier zurück - nicht, weil er Angst um mich hätte, sondern weil wir nur einen Haustürschlüssel haben.

Der heutige Tag ist irgendwie der Umkehrpunkt des Urlaubs - jetzt geht er seinem Ende entgegen. Bisher sind wir irgendwo hingefahren, ab morgen machen wir uns auf den Rückweg nach Dublin. Beim Geld holen wird plötzlich gerechnet, wieviel wir wohl noch brauchen werden. Beim die Route planen heißt es nicht mehr, wo wollen wir als nächstes hin, sondern, wie weit müssen wir fahren, um rechtzeitig in Dublin zu sein. Es ist eben - Wendepunkt.

28.07.98 Tag der Abteien

Heute wird erst beim Frühstück besprochen, wie es genau weitergehen soll; bisher wurde immer spätestens am Vorabend die Marschroute festgelegt. Dafür planen wir jetzt den gesamten Rückweg nach Dublin.

Als erstes nehmen wir von Clifden aus die Sky Road, eine Aussichtsstrecke, unter die Räder. Dabei spielt sogar das Wetter mit, so daß wir hübsche Ausblicke haben auf die vielen Inselchen im Atlantik. Wo die Sky Road wieder auf die N59 trifft, biegen wir nach links in diese ein und fahren nach Nordosten zur Kylemore Abbey, der ersten Abtei des Tages. Diese besichtigen wir aber nur aus der Entfernung, da man sie eh nicht hätte betreten dürfen, und drei mal £3.- Eintritt zahlen, nur um sie aus der Nähe sehen zu können, ist uns eindeutig zu viel.
Dann geht die Fahrt weiter an den Killary Harbour, Irlands einzigen Fjord. Dabei taucht die Frage auf, was eigentlich der Unterschied ist zwischen einem Fjord und einer Bucht. Aus dem Stegreif können wir das nicht beantworten, vielleicht gibt uns zu Hause ein Buch die Erklärung. Am hinteren Ende des Fjords ändern wir unsere Fahrtrichtung und biegen ab auf die Straße durch Joyces Country.

Entlang des Joyces River durchqueren wir moorbedeckte Täler unterhalb von moorbedeckten Bergen, bis wir an Lough Corrib kommen. Am Ufer des Sees machen wir eine kurze Rast, hauptsächlich zum die Landschaft genießen und fotografieren.
Dann geht es, immer am Ufer des Sees, weiter bis Cong. Dort erwartet uns die nächste Abbey. Diese wird, da es keinen Eintritt kostet, von uns gründlich besichtigt. Schön sind die alten Gemäuer, vor allem der Kreuzgang, häßlich der "moderne" Betonklotz der neuen Kirche direkt daneben. Den erkennen wir auf Anhieb gar nicht als Kirche, sondern halten ihn für einen Geräteschuppen für die Renovierung der Ruine. In Cong kehren wir auch kurz in einem Pub ein, um etwas zu trinken und ein Sandwich zu essen.
Und weiter geht die Fahrt, allerdings nur etwa 15 Kilometer bis Headford. Am Ende eines kleinen Sträßchens finden wir Ross Abbey, angeblich das besterhaltene Franziskanerkloster Irlands. Auch hier wird unerwarteterweise kein Eintritt verlangt - die Geschäftstüchtigkeit der Leute aus dem Süden und Südwesten ist offensichtlich noch nicht bis in diese Ecke vorgedrungen. Auch dieses alte Gemäuer wird ausgiebig durchstreift und fotografiert.

Schließlich steigen wir wieder ins Auto und begeben uns auf große Fahrt. Diese führt uns - immer auf Nationalstraßen, die teilweise autobahnmäßig ausgebaut sind - in Richtung Galway, auf der Umgehungsstraße an Galway vorbei und in Richtung Dublin. Ungefähr 60 Kilometer östlich von Galway, in Ballinasloe, verlassen wir die Nationalstraße wieder und fahren nach Shannonbridge, einem kleinen Ort bei einer Brücke über den Shannon (muß ja so sein, bei dem Namen). Dort suchen wir uns eine nette Unterkunft und Sigrid und ich machen es uns gemütlich, während Werner schon mal die Ortschaft erkundet.
Abends auf dem Weg ins "Zentrum" werden wir Augenzeugen, wie ein kleiner Esel aus seinem Gehege entwischt, als ein Mädchen ihr Pferd herausholen will. Sie rennt dem Esel nach, dabei macht sich auch das Pferd selbständig. Schließlich hat sie ihr Pferd am Halfter und den Esel unter dem Arm und kommt weder vorwärts noch rückwärts. Um sie zu retten, nehme ich ihr das Pferd ab und führe es zurück zum Tor.
Das Mädchen bedankt sich für die Hilfe und wir gehen zum Essen - die Auswahl an Lokalen ist nicht sehr groß - in ein "Diner", danach weiter in ein Pub. Gegen 22 Uhr beginnt die "Irish Night", drei Musiker packen Instrumente und Technik aus und beginnen zu spielen. Jeder der drei für sich genommen mag ein guter Instrumentalist sein, gemeinsam bringen sie nicht allzuviel auf die Reihe. Am meisten begeistert mich ein Bodhran-Solo; ich habe noch nie gesehen (oder gehört), wie ein Trommler auf einem einzigen Instrument eine Melodie spielt - furioso!

Leider bekommt Sigrid im Laufe des Abends eine Bemerkung von Werner in den falschen Hals und schmollt von da ab. Auf dem Heimweg geht sie auf der anderen Straßenseite und redet kein Wort mit uns. Schade, denn ansonsten wäre es ein schöner Tag gewesen.

29.07.98 Irische Odyssee

Shannonbridge heißt unser Übernachtungsort, und die Shannonbridge ist unser erster Besichtigungspunkt des Tages. In 16 Bogen spannt sich die alte Brücke über den Fluß, Fortsetzung ist eine etwas neuere Hebebrücke, damit auch Segelschiffe passieren konnten. Inzwischen bewegt sich auf dem Shannon nichts anderes mehr als Kabinenkreuzer. Diese kommen natürlich auch so unter der Brücke durch, und Hebebrücke und Brückenwärterhäuschen sind nicht mehr in Betrieb.

Nach dieser Besichtigung fahren wir - jetzt in entgegengesetzter Richtung - ein zweites Mal durch den Ort, um in der Nähe des Blackwater River die Station der Clonmacnoise & West Offaly Railway zu suchen. Zuerst erkennen wir die Station, die sich als Industriegelände tarnt, nicht und fahren vorbei. Als wir feststellen, daß wir falsch sind, wenden wir, fahren zurück und versuchen doch bei diesem "Industriegelände" unser Glück. Es stellt sich heraus, daß wir hier zwar richtig sind, die nächste Moorfahrt aber erst in einer halben Stunde beginnt. Eine halbe Stunde warten ist uns zu viel, und da Sigrid und ich der Meinung sind, auch an dieser Straße einen Wegweiser nach Clonmacnoise gesehen zu haben, wollen wir zuerst dorthin fahren. Das Sträßchen ist aber verdächtig schmal und endet im Hinterhof eines Bauern.
Dieser Bauernhof ist - wie wir später erfahren werden - ein sogenannter "Inselbauernhof". Er steht, völlig einsam, auf einer festen Insel mitten im Moor und hat nur eine einzige Zufahrt - die, auf der wir gekommen sind. Wir müssen erkennen, daß ein Weiterkommen hier unmöglich ist und fahren wieder einmal zurück zur Eisenbahnstation. Inzwischen ist von dieser halben Stunde Wartezeit schon ziemlich viel vergangen, so daß wir nun doch dableiben und Tickets für die nächste Tour lösen.

Diese geführte Tour führt nun mit einer Schmalspurbahn mitten ins Hochmoor von Blackwater, das in diesem Gebiet maschinell abgebaut wird, um Brennstoff für das Torfkraftwerk in Shannonbridge zu erzeugen. Gezeigt werden die riesigen Flächen, auf denen der Torf "geerntet" wird (Werner: wie das Meer, nur braun), auch wird erklärt, wie diese "Ernte" von statten geht. Außerdem weist die Führerin immer wieder auf Versuchsflächen hin, in denen erprobt wird, wie die abgeernteten Flächen wieder renaturalisiert werden können.

Dieses Moor soll 50 Jahre lang genutzt werden können, 30 davon sind schon vorbei. Auf die Frage, was dann in 20 Jahren mit dem Kraftwerk passieren wir, muß die Führerin passen; sie bezweifelt, daß es dafür schon Pläne gibt und meint, möglicherweise würde es stillgelegt.
An einer Stelle wird uns auch vorgeführt, wir früher manuell Torf gestochen wurde. Auf der Rückfahrt werden wir mehr auf die Schönheiten des nicht abgebauten Moores hingewiesen - hauptsächlich Pflanzen wie Heidekraut, Weidenröschen und Sonnentau (der aber aus dem fahrenden Zug nicht zu erkennen ist).

Nach dieser Rundfahrt im Zug ist dann wieder unser Auto dran. Wir fahren - heute zum dritten Mal - nach Shannonbridge in den Ort. Dort zweigt die richtige Straße nach Clonmacnoise ab, das wir dann auch unmöglich verpassen können - ein riesiger Parkplatz, unzählige Busse, Besucherzentrum. Der Eintritt kostet wieder mal £3.- pro Person, doch in dem Moment, wo ich das Geld auf die Theke lege und drei Tickets verlange, läuft die Kassiererin davon. Nachdem sie nicht zurückkommt und ihre Kollegin kein Interesse an uns zeigt, nehme ich das Geld wieder an mich und wir betreten die Anlage, ohne bezahlt zu haben.
Es ist eine beeindruckende frühchristliche Klosteranlage, die auch durch die vielen Menschen nicht viel an Flair verliert. In ihrer schönen Lage auf einem Hügel über dem Shannon stört es mich auch nur wenig, daß die gesamte Anlage um 1860 restauriert (Werner sagt, natürlich, neu aufgebaut) wurde. Wir durchstreifen gründlich das Gelände mit zwei Rundtürmen, mehreren Kirchen und Kapellen, Hochkreuzen und vielen Grabsteinen. Da sich der von uns nicht bezahlte Eintritt lohnen muß, besuchen wir außerdem das kleine Museum im Besucherzentrum.

Dann geht die Fahrt weiter, nach Norden bis kurz vor Athlone und dann auf der N6 nach Osten. In Moate machen wir in einem Pub kurz Rast und Sigrid besorgt uns per Handy für morgen ein Quartier in Dublin. Bei Kilbeggan verlassen wir die Rennstrecke wieder nach Norden.
In Mullingar geraten wir auf eine falsche Straße, da eine Baustelle die richtige Einfahrt verdeckt und überhaupt keine Wegweiser sichtbar sind. Dank dieses Verfahrers finden wir aber eine FIAT-Werkstatt, in der wir das schon seit langem kaputte Blinkerglas unseres Punto ersetzen. Danach finden wir dann auch den richtigen Einstieg in die richtige Straße.
Ab Delvin geht die Fahrt dann wieder ostwärts, und in Slane beginnt unsere Irrfahrt. Eigentlich wollen wir ja hier übernachten, aber das erste B&B ist ausgebucht, der Besitzer schickt uns zu einem Kollegen, aber der hat nur noch zwei freie Betten, empfiehlt uns aber ein weiteres Haus außerhalb der Ortskerns. Dort entspricht die Infrastruktur nicht unseren Anforderungen (Restaurant und Pub in walking distance), und wir halten gar nicht erst an.
Allerdings befinden wir uns jetzt auf der Straße nach Süden, wo wir gar nicht hinwollen. Wir biegen also wieder nach Osten ab und fahren - vorbei an Newgrange - in Richtung Drogheda. An dieser Straße finden wir immer abwechselnd ein Pub ohne B&B oder ein B&B ohne Pub.
Schließlich sind wir in Drogheda und haben immer noch keine Unterkunft. Wir geraten in den Stadtverkehr, der uns ziemlich zu- und entsetzt. Wir flüchten auf dem schnellsten Weg aus der Stadt heraus nach Norden. Hier stimmt leider meine Straßenkarte nicht mehr mit der Wirklichkeit überein, und wir landen nicht wie geplant in Dunleer, sondern in Collon. Dort ist im ganzen Dorf kein einziges B&B zu finden, so daß wir schließlich doch noch - nach 15 Kilometern Umweg - in Dunleer ankommen und - welch Wunder - sogar eine Unterkunft finden.
Es ist zwar relativ teuer, aber dafür wohnen wir in einer herrschaftlichen alten Villa (Sigrid sagt sogar, Schloß), mit Mauern ringsum und einem geschmiedeten Gitter vor der gekiesten Auffahrt zum Haus.

Die Suche nach etwas Eßbarem erweist sich als nicht schwierig. Mangels eines besseren Angebots landen wir nach einem Rundgang durch das Dorf im italienischen Restaurant, und das Essen ist sogar gut - auf jeden Fall besser als befürchtet. Im Pub sind wir beinahe die einzigen Gäste, doch gegen 22 Uhr füllt es sich dann doch - aber wir gehen heim, da vor allem Werner durch die heutige Fahrerei recht strapaziert worden ist.

30.07.98 Dublin - und nun?

Der Tag beginnt mit einer Fortsetzung der gestrigen Irrfahrt. Die Anweisungen unserer Hauswirtin sind nicht ganz eindeutig, und Werner verläßt sich mehr auf Sigrids und meine Angaben als auf sich selbst. So dreht er um - wahrscheinlich kurz vor einem Wegweiser in die richtige Richtung - und wir fahren doch erst mal nach Süden. Bis wir feststellen, daß wir die unserer Meinung nach richtige Abfahrt verpaßt haben, sind wir schon wieder kurz vor Drogheda. Wir wenden also wieder einmal, und dann finden wir auch den richtigen - wenn auch längeren - Weg nach Monasterboice.
Dort gibt es ausnahmsweise kein Besucherzentrum, sondern nur eine Blockhütte und keine Eintrittspreise, sondern nur die Bitte um eine Spende. Das Spenden verschieben wir, bis wir die Anlage gesehen haben und wissen, was uns der Spaß wert ist - letztendlich gemeinsame £2.-. Aber vorher wird besichtigt. Rundturm, Kirchenruine, Friedhof, zwei Hochkreuze. Alles schön wieder hergerichtet, aber leider verdirbt uns wieder mal das Wetter die Freude am Besichtigen. In einer Ecke des Geländes sind sogar die echten Reste von echten Hochkreuzen zu sehen!

Anschließend geht die Fahrt zur Mellifont Abbey, den Resten des ältesten Zisterzienserklosters Irlands. Hier kostet es dann auch wieder Eintritt. Von den meisten Gebäuden ist wenig mehr als die Fundamente übrig, Ausnahme ist das halbwegs erhaltene runde Lavabo. Insgesamt eine interessante Anlage. Es gibt hier auch ein kleines Museum, das einiges darstellt über das Leben der Zisterzienser und die Ausgrabungen an der Abtei.

Unser nächstes Ziel ist Newgrange. Dorthin fahren wir auf der Strecke, die wir gestern gekommen sind, vorbei an Drogheda. Der Parkplatz ist erschreckend voll mit Bissen und Pkws, doch der große Schock kommt erst am Eingang des Besucherzentrums. Wir werden von netten jungen Leuten gefragt, ob wir nach Newgrange wollen oder nach Knowth. Da wir nicht wußten, daß Knowth inzwischen besichtigt werden kann, haben wir uns darauf natürlich nicht vorbereitet und antworten deshalb, Newgrange. Da erfahren wir, daß wir auf eine Führung mehr als zwei Stunden warten müßten - die früheren sind alle schon ausgebucht.
Nach kurzer Beratung entschließen wir uns, auf die Besichtigung des Grabes zu verzichten (ich habe es ja schon gesehen) und uns nur das Besucherzentrum anzusehen. Das ist sehr informativ, erzählt über mögliche Riten und Lebensformen der neolithischen Menschen, die diese großen Grabanlagen erschaffen haben.
Wenn wir früher gewußt hätten, was hier für ein Aufwand betrieben wird, dann hätten wir mehr Zeit eingeplant, wären früher dagewesen und später wieder gegangen. Jetzt aber müssen wir weiter, da wir ja für heute abend in Dublin ein Zimmer reserviert haben.
Auf dem direktesten Weg fahren wir zur N2 und dort fast schnurgerade in Richtung Hauptstadt. Unterwegs legen wir in Ashbourne noch eine kurze Rast für Getränke und Sandwiches in einem Pub ein, dann geht es direkt und ohne Probleme, da mit Stadtplan, zu unserem Quartier in Drumcondra, einem Wohnviertel im nördlichen Dublin, nicht weit vom Zentrum. Wir beziehen das Zimmer und beratschlagen, wie es weitergehen soll.
Unsere Hauswirtin erklärt uns den Weg zur Bushaltestelle, doch wir gehen zu Fuß in Richtung Zentrum. Der erste Weg führt uns zur Tourist-Information an der O’Connell Street, um uns über Buslinien und -tickets zu informieren, der zweite zur Verkaufsstelle der Busbetriebe auf der anderen Straßenseite. Hier decken wir uns für morgen und übermorgen mit je einer Tageskarte für jeden Tag ein, dann schlendern wir durch die Fußgängerzone von Henry Street.
Die Stimmung ist bei uns allen leicht gereizt, und so schlage ich einen Richtungswechsel vor ins Kneipenviertel Temple Bar. Dort finden wir auch bald ein Pub, das uns zusagt. Nach dem ersten Pint studieren wir die Speisekarte und beschließen, dazubleiben. Erst viel später brechen wir hier wieder auf und bewegen uns zur Bushaltestelle. Kurz vorher fallen wir noch kurz in ein Pub, dort ist es aber furchtbar laut und ungemütlich, so daß wir nicht lange bleiben. Wir finden den richtigen Bus und fahren bis zu unserer Haltestelle. Von dort sind es noch etwa fünf Minuten bis zum Quartier.
Sigrid möchte noch nicht ins Bett, sucht deshalb an der nächsten Straßenkreuzung nach einem Pub und wird sogar fündig. Den Gute-Nacht-Drink nehmen wir also dort ein - immerhin gibt es ganz brauchbaren Irish Coffee.

31.07.98 Dublin - kreuz und quer

Wir fahren heute zwar gemeinsam in die Innenstadt und gehen zum Geldautomaten, dann aber trennen sich unsere Wege. Sigrid und Werner ziehen in die eine Richtung los, ich in die andere.

Ich marschiere über die O’Connell Bridge zum Trinity College. Dort leiste ich mir für £6.- ein Kombi-Ticket für Old Library und Dublin Experience. Da letzteres immer zur vollen Stunde beginnt und ich mich fünf Minuten vor elf dazu entschließe, kaufe ich das Ticket natürlich am dortigen Eingang. Dublin Experience ist eine sehr aufwendig gestaltete Diashow mit - meiner Schätzung nach - ungefähr vierzehn Projektoren und dauert 45 Minuten.
Danach gehe ich hinüber zum Eingang der Bibliothek und bekomme einen Riesenschreck. Die Schlange an der Tür ist -zig Meter lang und die Wartezeit bestimmt noch länger. Doch dann frage ich den Wächter an der Tür, ob die Schlange an der Kasse oder am Eingang ist, und er erklärt mir, daß es sich um die Kassenschlange handelt. Da ich glücklicherweise mein Ticket schon habe, kann ich also an allen Wartenden vorbeigehen.
Im kleinen Museum gibt es einige alte bis sehr alte Handschriften zu sehen, Höhepunkt des Ganzen ist das Book of Kells. Es ist wirklich beeindruckend, wie kunstfertig die Mönche des 9. Jahrhunderts waren. Die ausgestellte Doppelseite mit Text ist mit einer sauberen und schönen Schrift bedeckt, die Initialen sind groß und kunstvoll ausgeführt. Auf der anderen gezeigten Doppelseite sind große Zeichnungen, auch diese mit bunter Tusche (oder etwas ähnlichem), auch diese absolut schön (ich weiß kein anderes Wort dafür als eben - schön).

Im Obergeschoß der Old Library ist der Long Room. Ein scheinbar unendlich langer Raum, zwei Etagen hoch, mit vielen, vielen Regalen voller alter Bücher. Wenn nicht die vielen Leute stören würden, könnte ich mich hier ewig aufhalten. Einige Touristen ignorieren das Fotografierverbot und knipsen drauflos, ich bin zu ehrlich, frage um Erlaubnis und werde freundlich aber bestimmt abgewiesen. So ist es nun mal auf dieser Welt.

Nach dem Duft der alten Bücher lasse ich mir erst mal in den Höfen des Trinity College frische Luft um die Nase wehen. Dann stürze ich mich ins Menschengetümmel der Grafton Street, auf der ich zum St. Stephen’s Green komme. Ich bewundere an dessen Nord- und Ostseite die verschiedenen Ausführungen der Türen und suche mir dann eine Sandwichbar zum Erholen.

Danach führt mich mein Weg zum Dublin Castle, von dem ich aber nur die beiden Innenhöfe betrete. Dann geht es, vorbei an der City Hall, durch die Parliament Street in den Bezirk Temple Bar. Diesen durchstreife ich kreuz und quer, unterwegs finde ich einen CD-Laden, bei dem ich mich mit irischer Musik eindecke.

Zwischendurch lande ich in einer Galerie, die Fotos ausstellt. Die Bilder - von Gemälden kaum zu unterscheiden - sind sehr großformatige Nahaufnahmen von Pflanzen, die aber als solche kaum zu erkennen sind.

Über die Halfpenny-Bridge gelange ich auf die Nordseite des Flusses. Dort muß ich mich erst mal auf einer Bank ausruhen, dann drehe ich noch eine Runde im Gebiet von Henry Street und Abbey Street. Ich bin aber inzwischen recht müde, so daß ich mich zum vereinbarten Treffpunkt begebe und auf Sigrid und Werner warte.
Gemeinsam suchen wir uns ein kleines Restaurant im Bezirk Temple Bar aus und essen dort zu Abend. Dann überschreiten wir noch einmal den Liffey, dieses Mal auf der O’Connell Bridge. Sigrid muß unbedingt noch in den Bücherladen, in dem ich Teddyzeitschriften entdeckt habe. Nachdem sie eingekauft hat, besuchen wir eines der vielen Dubliner Pubs. Der Sänger allerdings taugt dort - wieder einmal - nicht viel, und so fahren wir nach Hause.

Für diese zwei Fahrten, die ich heute gemacht habe, hätte ich mir keine Tageskarte kaufen müssen, aber wer denkt schon an so was! Sigrid und Werner brauchen noch ein letztes (?) Bier in dem Pub, das wir gestern entdeckt haben. Mir dagegen reicht es, und ich gehe ins Bett.

01.08.98 Evensong

Unser erster Urlaubstag war am französischen Nationalfeiertag, unser vorletzter ist am Schweizer. Aber von Höhenfeuer ist hier natürlich nichts zu sehen, und zu Freudenfeuern haben wir auch wenig Anlaß, geht der Urlaub doch zu Ende.

Trotzdem genießen wir natürlich den heutigen Tag, auch wenn er sich etwas ungut anläßt. So stehen wir schon seit einiger Zeit an der Bushaltestelle, als der Bus ankommt - und ohne anzuhalten weiterfährt. Bei uns herrscht natürlich große Empörung. Nur nützt uns diese wenig, können wir die Situation doch nicht ändern. Sigrid wird die Warterei zu viel, sie meint, vorne an der Hauptstraße hätten wir größere Chancen, daß ein Bus kommt. Werner und ich stimmen dem zwar nicht unbedingt zu, aber wenn Sigrid sich etwas in den Kopf gesetzt hat... jedenfalls, kaum sind wir ein paar Meter gegangen und natürlich genau zwischen zwei Haltestellen, kommt ein Bus angebraust und dann noch einer. Wenn... In der nächsten Zeit ist jetzt bestimmt mit keinem Bus mehr zu rechnen, und so gehen wir zu Fuß in Richtung Innenstadt.

An einer Kreuzung komme ich dann auf die dumme Idee, wir müßten hier abbiegen. Die anderen beiden sind zwar nicht meiner Meinung, folgen mir aber trotzdem. Wieso eigentlich? Ich sehe dann auch bald ein, daß das so nicht stimmt - wir sind zwei oder drei Kreuzungen zu früh abgebogen. So kommen wir zu einem ungeplanten Zickzack durch ein wenig attraktives Wohnviertel Dublins und landen letztendlich an der gleichen Straßenkreuzung, an der die Endstation unseres Busses liegt.

Hier trennen sich wieder mal unsere Wege. Zuerst drehe ich eine Runde durch die Gardens of Remembrance, zum Denkmal zu Ehren der für die Freiheit gefallenen Iren, dann geht es die O’Connell Street hinunter zum Büro des Dubliner Busunternehmens. Ich versuche, die für heute gekaufte Tageskarte für das Busnetz unbenutzt zurückzugeben, habe keinen Erfolg. Gegen ein anderes Busticket könnte ich sie umtauschen, nicht aber gegen Bargeld. Da mir das natürlich nichts nützt, behalte ich meine Karte und benutze sie dann auch.

Ich fahre mit dem Bus bis in die Nähe des Nationalmuseums, in dem ich dann die nächsten Stunden verbringe. Das Museum ist nicht groß (zumindest nicht, wenn man es mit dem Deutschen Museum vergleicht), aber sehr interessant. Es zeigt die irische Geschichte von der Steinzeit bis zum Osteraufstand 1916 und dessen Folgen. Am meisten beeindruckt mich die Abteilung "Ór - Irlands Gold". Dort wird eine große Sammlung irischer Goldschmiedekunst aus der Bronzezeit ausgestellt. Nach fast drei Stunden im Museum besichtige ich auch noch kurz den Tea-Room, der mich allerdings weniger begeistert. Er ist für meinen Geschmack zu voll und zu teuer.

Also verlasse ich das Gebäude in Richtung St. Stephen’s Green. Unterwegs kaufe ich mir ein Sandwich und etwas zu trinken und suche mir dann im Park einen freien Platz auf einer Bank. Dort verzehre ich dann mein Sandwich und genieße die seltenen Sonnenstrahlen. Schließlich mache ich mich auf den Weg zur St. Patrick’s Cathedral. Diese wird ausgiebig besichtigt, dann setze ich mich im benachbarten Park auf eine Bank - eigentlich nur für einen Filmwechsel. Dabei komme ich aber mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir unterhalten uns über Religion und Politik, über Nordirland und die deutsche Wiedervereinigung, übers Reisen in Deutschland und in Irland und über sonst noch dies und das. Bis wir beide wieder aufbrechen, ist über eine Stunde vergangen.
Ich gehe dann weiter zur Christ Church Cathedral. Als ich dort ankomme, ist es fünf vor fünf und gleich beginnt der Evensong, das "Abendlied". Da ich nichts besonderes mehr vorhabe, nehme ich an dem Gottesdienst teil. Er dauert etwa 40 Minuten und wird hauptsächlich vom Chorgesang getragen - daher auch der Name. Glaubensbekenntnis und Vaterunser sind mir auf Englisch zwar nicht geläufig, aber ich habe ja das Textbuch in der Hand.

Dieser Gottesdienst hilft mir, meine Gedanken zu sammeln und gibt mir Ruhe und Kraft (ersetzt er damit nicht den ganzen Urlaub?). Anschließend - am Ausgang wird jeder der wenigen Anwesenden vom Priester mit Händeschütteln verabschiedet - geht es mit neuem Tatendrang weiter.

Am Treffpunkt (ich bin ganze zwei Minuten zu früh dort) warten Sigrid und Werner schon auf mich. Sie haben auch schon ein Restaurant ausgesucht, das wir dann mit unserer Anwesenheit beehren. Nach dem Essen unsere übliche Routine: Pub, Heimfahrt, Pub. Heute, an unserem letzten Abend, gehe ich natürlich nicht vorzeitig ins Bett, sondern genieße noch zwei Irish Coffee.

02.08.98 Kein Rotwein für Teddybären

Da uns heute der Heimflug droht, dauert nach dem Frühstück das Zusammenpacken etwas länger als normal. Immerhin muß aller Kleinkram, der sonst in Tüten und Taschen herumgeschleppt wurde, im Koffer verstaut werden. Aber schließlich ist auch dies erledigt und das Gepäck ein letztes Mal ins Auto gepackt.
Wir lassen den Wagen aber noch da stehen, wo er die letzten Tage gestanden hat und gehen, um die restliche Zeit sinnvoll zu nutzen, in den botanischen Garten. Am Tor kommen wir fünf Minuten zu früh an, sonntags öffnet er immer erst um elf seine Pforten, aber immerhin ist - unerwarteterweise - der Eintritt kostenlos. Die nächsten zwei Stunden lustwandeln wir im Garten und im Park, schön der Rosengarten, leider noch geschlossen die Gewächshäuser (Öffnung sonntags um 14 Uhr; dann müssen wir schon weg sein). Auf dem Rückweg kehren wir noch in einem Pub ein, um uns von den irischen Getränken wie Guinness, Smithwicks und Bulmers zu verabschieden.

Auf dem Weiterweg zum Auto schwant uns Übles: Menschenmengen - zu Fuß, in Bussen und Pkws - drängen sich in Richtung Fußballstadion - heute scheint ein wichtiges Spiel zu sein. Leider müssen auch wir in diese Richtung fahren, wenn wir auf dem direkten Weg zur Autovermietung wollen. Nach kurzer Beratung und dem Einholen nutzloser Tips von einem Polizisten fahren wir in die entgegengesetzte Richtung, um über einen Umweg aber wahrscheinlich schneller ans Ziel zu kommen. Durch den unerwartet vielen Verkehr genervt, wird Werner etwas gereizt und Sigrid noch nerviger, aber bevor es zur großen Explosion kommen kann, sind wir aus dem dicken Gewühl heraus auf der Autobahn, und die Lage entspannt sich wieder.

Die Autorückgabe verläuft ohne größere Probleme, ein Fahrer bringt uns zum Flughafen, und dann stehen wir in der Halle wie bestellt und nicht abgeholt. Ich bewache unser Gepäck, während Sigrid und Werner ein letztes Detail wegen des Autos abklären. Dann gehen wir zum Check-In, um das große Gepäck loszuwerden. Anschließend ist die Kontrolle des Handgepäcks um einiges lascher als in München - ich muß nicht einmal den Kamerakoffer öffnen. Wir bummeln gemütlich durch die Duty-Free-Läden, dann werden unsere letzten irischen Pfund noch in Getränke umgesetzt und weggeputzt. Da seit dem Frühstück niemand von uns mehr etwas zu essen bekommen hat, schlägt der Alkohol natürlich gleich zu und schafft so die richtige Grundlage für den Rotwein im Flugzeug.
Bis dahin dauert es aber noch einige Zeit, da wir mit einer halben Stunde Verspätung abheben, nach dem Steigflug gleich das Essen ausgeteilt wird und wir dann erst etwas zu trinken bekommen. Die Verspätung - beim Flug und beim Wein - machen wir aber mit gesteigerter Geschwindigkeit wieder wett. Dadurch sind wir hübsch angesäuselt, als das Flugzeug pünktlich über Frankfurt ankommt - nur landen dürfen wir nicht. Erst nach langer Zeit in der Warteschleife bekommen wir Landeerlaubnis, und deshalb dürfen wir beim Umsteigen auch nicht zu sehr herumtrödeln.
Das nächste Flugzeug hat dann allerdings auch Verspätung. Beim Warten auf den Start bändelt Gilb mit der Stewardeß an und versucht, ihr schon vorab einen Rotwein abzuschmeicheln. Sie erklärt ihm, daß sie im Moment nicht ausschenken darf, und daß Teddybären sowieso keinen Alkohol bekommen. Als wir dann endlich gestartet und auf Reiseflughöhe sind und der Getränkewagen ankommt, müssen wir entsetzt feststellen, daß Lufthansa auf innerdeutschen Flügen keinen Wein ausschenkt und wir und also mit Sekt begnügen müssen.

Endlich in München angekommen, heißt es warten. Zuerst am Gepäckband darauf, daß es endlich anläuft, dann auf unsere Koffer, schließlich auf die S-Bahn. Nach der Ankunft muß ich natürlich zuerst meine kleinen Freunde begrüßen und dann noch ein Stündchen fernsehen, um mich wieder richtig daheim zu fühlen.


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