Geschichte

Nach dem Ende der letzten Eiszeit (um 6000 v. Chr.) kamen die ersten Menschen über eine damals noch bestehende Landbrücke von Schottland nach Irland. Dieses Volk der Jäger und Sammler beeinflußte seine Umgebung nur gering. Sie bearbeiteten keine Felder, hüteten keine Viehherden und lebten jeweils nur für kurze Zeit an einem Ort. Um 3000 v. Chr. folgte eine zweite Einwanderungswelle neolithischer Siedler, die den Ackerbau nach Irland brachte. Aus jener Zeit stammen die gewaltigen Megalithgräber. Während der Bronzezeit, die in Irland ungefähr 2000 v. Chr. begann, gruben die Iren nach Gold und schufen einzigartige Metallarbeiten.
Um 600 v. Chr. erreichten die ersten Kelten die Insel. Sie waren den damaligen Bewohnern überlegen, da sie in Stammesverbänden organisiert und mit der Bearbeitung von hartem Eisen bestens vertraut waren. Allmählich vermischten sie sich mit der ansässigen Bevölkerung. Kein anderes Land in Europa sollte eine gleichermaßen kontinuierliche Tradition des Keltentums erreichen. Die Kelten unterteilten die Insel in Kleinkönigreiche, wählten Könige und Stammesfürsten und bildeten Befestigungen, um sich voreinander zu schützen. Die politische Ordnung war also monarchisch. Ein König herrschte über sein Volk, ein Hochkönig hatte Vorrang vor den anderen Provinzkönigen.

Viele Jahre lang blieb Irland von den Strömungen der europäischen Entwicklung isoliert. Selbst die Römer unternahmen keinen Eroberungsversuch. Die Folge war, daß sich Gesellschaftsformen erhielten, die im Vergleich zum restlichen Europa, wo die lateinisch-christliche Kultur das Keltentum überlagerte, archaisch anmuteten. Andererseits wurde dadurch ermöglicht, daß sich hier das keltische Erbe, zumindest in den schriftlichen Quellen, unverändert erhalten konnte.

Nach einer knapp 1000jährigen Kulturdominanz der Kelten begann ab dem 5. Jahrhundert eine neue Epoche. Der Legende nach nahm das christliche Irland seinen Beginn mit der Verschleppung des 16jährigen Patrick, eines romanisierten Briten, durch irische Piraten von England nach Irland. Er floh, studierte in Gallien und wurde in Rom zum Bischof geweiht. Nach Jahren der Reise kehrte Patrick 432 nach Irland zurück, um die Heiden zu bekehren. Bis zu seinem Tod 465 durchquerte er fast das ganze Land, gründete Kirchen und Klöster, berief Bischöfe und Priester. Trotz energischem Widerstand der keltischen Druiden scheint die Christianisierung ohne Kampf und Blutvergießen vor sich gegangen zu sein. Kein einziger irischer Märtyrer ist dokumentiert.
Das junge irische Christentum war anders organisiert als die römische Kirche. Es war immer das Kloster Zentrum der religiösen Macht und nicht der Bischofssitz. In rascher Geschwindigkeit entwickelte sich Irland zum geistlichen Gelehrtenzentrum der westlichen Welt. Schon bald breiteten sich Klostersiedlungen über die Insel aus, und bereits im 6.-8. Jahrhundert zogen irische Missionare aus, um Britannien und die mitteleuropäischen Heiden zu bekehren.

Im späten 8. Jahrhundert begannen die Einfälle der Wikinger. Irland, zerrissen und geschwächt durch Rivalitätskämpfe seiner Könige, war nicht in der Lage, den Angriffen Widerstand zu leisten. Die Wikinger segelten in ihren Langschiffen die irischen Küsten entlang und die Flüsse hinauf. Sie waren vor allem an den Schätzen der Klöster interessiert. Nach Jahren der Überfälle, siedelten sie sich schließlich im Süden der Insel an. Städte wie Cork, Limerick, Waterford und Wexford gehen auf Gründungen der Wikinger zurück. Rasch entwickelten sich diese zu wichtigen Handelsstädten. Im Laufe der Zeit vermischten sich die skandinavischen Einwanderer mit der irischen Urbevölkerung. Sie führten die Geldwirtschaft ein, lebten vom Handel und von der Landwirtschaft.
1014 gelang es dem irischen Hochkönig Brian Boru in der Schlacht von Clontarf, ein riesiges Wikingerheer zu besiegen. Er und seine Söhne überlebten die Schlacht zwar nicht, aber die Macht der Wikinger war für alle Zeit gebrochen. Nach dem Tod des Hochkönigs Brian Boru begann in Irland eine Zeit endloser Machtkämpfe und Kleinkriege zwischen rivalisierenden Herrscherfamilien. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen hatte Dermot, König von Leinster, sein Königreich verloren und war nach England geflohen. Nach einem Hilfegesuch an Henry II. erhielt er die Unterstützung von anglo-walisischen Normannen, die 1169 unter der Führung von Richard de Clare - genannt Strongbow - die irische Ostküste besetzten. Schon bald waren drei Viertel der Insel in Strongbows Hand. Viele normannische Adlige fühlten sich durch Strongbows Erfolge angezogen und folgten ihm nach Irland, wo sie aufgrund des irischen Machtvakuums schon bald große Gebiete besetzen konnten. Im Gegensatz zu den Wikingern siedelten sie auch im Landesinnern, wo sie zahlreiche Burgen, Klöster und Städte gründeten.
Die folgenden Jahre waren von Schlachten, Eroberungen und Rückeroberungen geprägt. Trotz vereinzelter militärischer Hilfestellungen durch die katholischen Länder Spanien und Frankreich gelang es den Iren nicht, sich der englischen Eindringlinge zu erwehren. Die normannische Landnahme verlief in Irland - im Gegensatz zur Eroberung Englands 1066 - uneinheitlich und nur schrittweise. Schon bald begannen die belehnten normannischen Ritter und Siedler, sich mit den irischen Bewohnern zu assimilieren und paßten sich im Laufe der Zeit ihrer Lebensweise an. Die Bindungen zu England wurden allmählich lockerer und der Einfluß der Iren nahm wieder zu.
Anfang des 14. Jahrhunderts war der Herrschaftsbereich des englischen Königs auf ein durch Palisaden begrenztes Gebiet um Dublin, den Pale, zusammengeschrumpft. Nur die normannischen Großadligen im Süden und Osten widerstanden den irischen Angriffen. Und auch diese waren durch Mischehen und die Übernahme der irischen Sprache annähern "gaelisiert".

Erst in den 90er Jahren des 15. Jahrhunderts unternahm der englische König einen neuen Vorstoß, ihren Anspruch auf die Direktherrschaft über Irland durchzusetzen. Er setzte einen Engländer, Sir Edward Poynings, als Statthalter ein. Dieser erließ 1494 "Poynings Laws", die bestimmten, daß nur dann ein irisches Parlament zusammenkommen durfte, wenn der englische König vorher über den Grund der Einberufung und die Gesetzesvorschläge informiert war und seine Zustimmung gegeben hatte. Diese Gesetze sollten fast 300 Jahre lang irische parlamentarische Initiativen in Schranken halten.
Im 16. Jahrhundert beschloß Henry VIII. von England, Irland dem neuen englischen Staat einzuverleiben. Irland sollte nicht von übermächtigen Untertanen verwaltet werden, sondern von einer neuen, ihm ergebenen englischen Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Geistlichkeit. 1541 rief er sich offiziell zum König über Irland aus. Seine Vorgänger hatten sich immerhin mit dem Titel "Herr über Irland" begnügt.
Obwohl sich die irische Kirche in einem desolaten Zustand befand, gelang es der englischen Krone nicht, die von Henry VIII. eingeführte anglikanische Staatskirche und damit die Loslösung vom Papst durchzusetzen. Irland blieb weitgehend katholisch. Lediglich im Pale wurde die Reformation durchgesetzt, die Klöster nach 1539 aufgelöst. Im restlichen Irland dagegen wurde die katholische Kirche zur Hüterin der nationale, gaelischen Tradition. Zunehmend entwickelte sich der konfessionelle Gegensatz zur Basis politischer Auseinandersetzungen. Die erste hartnäckige Widersacherin in diesem Streit wurde Königin Elisabeth I. Ihr gelang es, den englischen Herrschaftsbereich in Irland erneut und weiter als je zuvor auszudehnen und mit militärischen und diplomatischen Mitteln ihre Macht zu festigen. Die ersten 30 Jahre ihrer Herrschaft bescherten den gaelischen und anglo-irischen Gebieten einen ständigen Zustrom neuer englischer Siedler.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts versuchten die Iren unter den Grafen von Ulster, Hugh O’Neill und Hugh O’Donnell, eine Rebellion gegen die Königin. 1598 besiegte O’Neill den englischen Befehlshaber und verschaffte dem irischen Aufstand damit einen großen Aufschwung. Da die Iren jedoch für eine offensive, reguläre Kriegsführung nicht gerüstet waren, traf O’Neill eine verhängnisvolle Entscheidung: er wandte sich an Englands Todfeind Spanien. Damit wurde Irland in die europäischen Religionskriege hineingezogen. König Philip III. von Spanien entsandte eine 40000 Mann starke Flotte, die 1601 in Kinsale eintraf. O’Neill marschierte nach Süden, um sich mit den Spaniern zu vereinigen. Elisabeth fürchtete, die Spanier könnten sich diese Situation zunutze machen und entsandte 20000 Mann nach Irland. Aufgrund mangelnder Kooperation schlug das spanisch-irische Unternehmen fehl. Ihre Truppen wurden von den Engländern unter Führung von Lord Mountjoy vernichtend geschlagen. Dies bedeutete den Beginn der systematischen Zerstörung des gaelischen Irland.
1603 mußte O’Neill sich endgültig ergeben. 1607 verließ er mit O’Donnell und vielen verbündeten Familien heimlich die Insel. Diese Flucht der Grafen ("Flight of the Earls") lieferte Ulster in die Hände einer unnachgiebigen und skrupellosen Dubliner Verwaltung, die zur endgültigen Zerstörung der "gaelischen Barbarei" und ihren Ersatz durch "englische Kultur" entschlossen war. Elisabeths Nachfolger James I. verteilte das Land an protestantische Siedler aus Südschottland und Nordengland - eine radikale Umverteilung der Besitzverhältnisse.
Auch andere Gegenden Irlands wurden Anfang des 17. Jahrhunderts gleichfalls besiedelt, allerdings keine so gründlich und erfolgreich wie Ulster. Nur hier wurde eine zusammenhängende protestantische Bevölkerung angesiedelt. Die restliche Insel blieb weiterhin überwiegend katholisch. Diese planmäßigen Ansiedlungen, bekannt als Ulster Plantations, schufen die Grundlage für die religiösen und politischen Konflikte, die Nordirland auch heute noch bewegen. Das Überlegenheitsgefühl der Kolonisten gegenüber den enteigneten Einheimischen sorgte dafür, daß sich die beiden Gruppen nicht assimilieren konnten.
Die englischen und schottischen Siedler veränderten Ulster von Grund auf. Sie bauten Städte, entwickelten den Handel, verbesserten die Anbaumethoden, rodeten Tausende von Morgen Land und führten moderne Bauweisen ein. Die Ulster-Protestanten waren selbstbewußte, an Modernisierung interessierte Mitglieder einer Gesellschaft, die technisch viel entwickelter war als die Welt der Gaelen. Vor allem hatten sie ganz andere politische Auffassungen. Sie waren treue Untertanen eines protestantischen Königreichs, des damals am höchsten entwickelten Nationalstaats in Europa. Sir Thomas Wentworth schrieb 1640:
"Politische Klugheit gebietet, das Königreich Irland in einer möglichst abhängigen und untergeordneten Stellung gegenüber England zu halten. Und wenn wir die Iren an der Herstellung von Wolle hindern und sie auf diese Weise dazu zwingen, ihre Kleidung aus England zu beziehen, wie könnten sie sich dann von uns trennen, ohne dabei zu nackten Bettlern zu werden?"
Es verwundert nicht, daß sich gegen eine derartige Kolonialpolitik ein starker irischer Widerstand formierte: 1641 begann in Ulster ein Aufstand gegen die allzu mächtige Präsenz der englischen Krone und ihre Siedler. Anschließend griff die Rebellion auch auf die Altengländer, die Anglo-Iren über, die gemeinsam mit ihren irischen Verbündeten nun das königstreue Drogheda belagerten. Auf Betreiben der katholischen Bischöfe wurde der Bund von Kilkenny geschlossen. In der Stadt richtete man eine Generalversammlung für das Königreich Irland ein, eine Art von Parlament mit einer Regierung. Die verlustreichen Kämpfe wurden zusätzlich verkompliziert durch den Ausbruch des englischen Bürgerkriegs im August 1642. Englische wie irische Verbände versuchten, Krone und Parlament zum eigenen Vorteil gegeneinander auszuspielen, feste Bündnisse kamen hingegen nicht zustande.
Diese unsichere Situation lag vor, als Oliver Cromwell im August 1649 mit 12000 Soldaten im englisch beherrschten Dublin landete. Cromwell sah sich als Rächer für das Massaker von Ulster und Vollstrecker von Gottes Willen an den "Papisten". Mit äußerst grausam geführten Feldzügen gelang es ihm in neun Monaten, die Rebellion weitgehend niederzuschlagen. 1652 hatten Cromwells Truppen sogar Inishbofin vor der Küste in der Grafschaft Galway eingenommen. Sie waren nun Herrscher über ganz Irland.
Eine Folge des verlorenen Aufstandes war, daß sämtliche katholischen Landbesitzer enteignet wurden. Dabei machte Cromwell keinen Unterschied zwischen gaelischen Grundeigentümern und Anglo-Iren. Für ihn waren dies alles Katholiken. Die freigewordenen Güter gingen in die Hände puritanischer Offiziere und protestantischer, englischer Republikaner über.
Ihre Hoffnung auf Befreiung vom englischen Joch veranlaßte die Iren dazu, den vom englischen Parlament abgesetzten katholischen Stuart-König James II. in seinem Kampf um die englische Krone gegen seinen Widersacher, den protestantischen William III. of Orange zu unterstützen. James landete mit französischen Truppen 1689 an der irischen Südküste. Der einzige ernsthafte Widerstand begegnete ihm lediglich in dem protestantischen Londonderry. Im Juni 1690 landete William of Orange mit 36000 Mann in Carrickfergus und traf am Fluß Boyne mit James zusammen. Hier trug sich die wohl bedeutendste Schlacht in der irischen Geschichte zu. James II. unterlag. Wieder einmal waren die irischen Hoffnungen auf Freiheit zunichte.

Das 18. Jahrhundert war von dem Reichtum der protestantischen Oberschicht einerseits und der Armut der katholischen Unterschicht andererseits geprägt. Die "Protestant Ascendancy", die protestantische Oberschicht des 18. Jahrhunderts setzte sich aus Großgrundbesitzern zusammen, die der Church of Ireland angehörten, einer anglikanischen Kirche mit stark calvinistischen Zügen. Besonders die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts bedeutete für die "Ascendancy" das Goldene Zeitalter. Der ungeheure Wohlstand der protestantischen Besitzer äußerte sich zum einen in der großen Zahl stattlicher Herrenhäuser und Landsitze sowie in der Umgestaltung der Städte. Das georgianische Dublin mit seiner aufklärerischen, auf Symmetrie und stilistische Einheit gerichtete Stadtarchitektur war das Meisterwerk der Ascendancy.
Die Pracht und die relative politische Ruhe täuschten jedoch nicht darüber hinweg, daß für die Iren das 18. Jahrhundert eine Zeit von durchgreifenden englischen Repressionen war. Die Iren wurden systematisch unterdrückt. Die Gesetze wandten sich vor allem gegen die noch verbliebenen katholischen Landbesitzer. Unrentable Kleinwirtschaft auf minimalen Flächen war die Folge. Ferner durften Katholiken nicht lehren und Kinder von Katholiken durften weder Schulen noch Universitäten besuchen. Katholiken war es untersagt, als Anwalt zu praktizieren, öffentliche Ämter zu bekleiden, Waffen zu tragen und als Offiziere zu dienen. Auch die katholische Kirche, die einzige einflußreiche Institution neben der Staatsmacht, wurde unterdrückt. Unter dem Eindruck der Notlage begriffen die Katholiken sich jetzt als eine einzige einheitliche Gruppe und gewannen als Widerstand leistende Institution dominierenden Einfluß. Die Unterscheidung zwischen "Gaelen" und "Anglo-Normannen" gab es nun nicht mehr. Katholik zu sein, bedeutete, besitzlos zu sein. Von nun an war das Gefühl der Besitzlosigkeit Bestandteil katholischen Selbstempfindens. Sie alle waren sich einig, daß das Land seinen rechtmäßigen Besitzern gestohlen und widerrechtlich Fremden übertragen worden war.
Bedingt durch die wirtschaftlichen Verhältnisse, wuchs die Unzufriedenheit. Eine Reihe an Geheimbünden entstand, es kam zu Unruhen. In Ulster hatten diese konfessionellen Charakter angenommen. Katholische und protestantische Angehörige der niederen Klassen kämpften gegeneinander um Arbeit und Land. Aus diesen Kämpfen gingen zwei populistische Volksbewegungen hervor: den der protestantischen Vorherrschaft verpflichtete "Orange Order", den es heute immer noch gibt, und auf katholischer Seite die "Defenders". Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) und die Französische Revolution brachen wie Feuerwerkskörper in das von Armut und Unruhen gebeutelte Irland.
Die Opposition gegen die englische Bevormundung wurde auch von aus der Ascendancy stammenden Patrioten verstärkt. Mit Hilfe eines bewaffneten protestantischen Freiwilligenheers setzte Henry Grattan 1782 das Recht der Gesetzgebung für das irische Parlament durch, das ja seit Poynings Laws beschnitten war.

Eine wichtige Rolle spielte auch der junge Dubliner Anwalt Theobald Wolf Tone (1763-98), der 1791 in Dublin und Belfast die Gesellschaft der "United Irishmen" gründete. Die Maßnahmen von Grattans Parlament lehnte er ab, da sie für die Mehrheit der Bevölkerung keine Verbesserung bedeuteten. Die United Irishmen wurden zu der einzigen bedeutenden überkonfessionellen Kraft in Irland. Sie versuchten, sich an die Spitze der katholischen Volksmassen zu stellen, um deren Kräfte für revolutionäre Energien zu nutzen. Von hohem Sozialethos und dem Gedankengut der Französischen Revolution erfüllt, forderte Tone die Aufhebung der bestehenden Verfassung, die Umwandlung Irlands in eine Republik und die Gleichstellung der Katholiken. Im Glauben, sich der Unterstützung der französischen Armee sicher zu sein, beschloß Tone den bewaffneten Aufstand. 1796 lief eine französische Flotte von Brest aus und hätte ihr Ziel fast erreicht, wenn sie nicht von Gegenwinden aufgehalten worden wäre. Da sie nicht landen konnten, drehten die Franzosen um.
Im Mai 1798 brach die Rebellion der "United Irishmen" ohne französische Hilfe aus und endete mit einem Desaster. Planlos und oft nur mit Spießen bewaffnet, zogen die Bauern in die Schlacht. Sie waren den gut ausgerüsteten Regierungstruppen bei weitem unterlegen. Etwa 30000 Menschen ließen ihr Leben. Zudem waren die geplanten Unternehmungen an die Regierung verraten und die Führer der Aufständischen verhaftet worden. Wolf Tone beging im Gefängnis Selbstmord.
Wolf Tones Aufstand gab den Ausschlag für den legislativen Anschluß Irlands an England. Für das im Kampf mit Frankreich beschäftigte England bedeuteten Unruhen in Irland ein gefährliches Risiko, und so wurde das irische Parlament überredet, für die eigene Auflösung zu stimmen. Mit dem Act of Union am 1. Januar 1801 wurde die Unabhängigkeit des irischen Parlaments aufgehoben und das United Kingdom of Great Britain and Ireland entstand. Fortan wurden England und Irland durch ein gemeinsames Parlament vertreten. Irland entsandte 100 Abgeordnete nach London.
Ein Vorschlag, die Union mit der Emanzipation der Katholiken zu verknüpfen, die den Katholiken das Recht auf eine Vertretung im Parlament gewährt hätte, wurde vom König abgelehnt. Er begründete seine Entscheidung damit, daß eine derartige Maßnahme seinen Krönungseid brechen würde, mit dem er gelobt hatte, den protestantischen Charakter des Staates zu wahren.
Zwanzig Jahre später sollte sich das Blatt wandeln. Durch die Gründung der "Catholic Association" wurde eine volkstümliche, nationale politische Bewegung geschaffen, die das ganze Land erfaßte. Die überragende Persönlichkeit war der katholische Anwalt Daniel O’Connell (1775-1847), der unbeirrbar - jedoch nie mit Gewalt - für die Belange der Katholiken kämpfte.
O’Connell stammte aus einer katholischen Kleinadelsfamilie, die sich ihren Wohlstand durch List hatte bewahren können. Er zog seinen Nutzen aus dem Gesetz zur Entlastung der Katholiken, das diesen mittlerweile gestattete, Anwalt zu werden. Als solcher berühmt geworden, war O’Connell aufgrund seiner Religionszugehörigkeit vom Parlament ausgeschlossen. Da es dies als Haupthindernis für das Fortkommen der Katholiken ansah, gründete er 1823 die "Catholic Association". Durch die Einführung der außerordentlichen Mitgliedschaft - der Mitgliedsbeitrag kostete monatlich nur einen Penny - gelang es O’Connell, eine Bevölkerung, die zu den ärmsten Europas zählte, politisch zu motivieren. Dies war eine in Europa einzigartige Leistung - die Mobilisierung einer massendemokratischen Mehrheit für ein friedliches Ziel.
Im Jahre 1828 wurde O’Connell mit großer Mehrheit als Abgeordneter von Clare ins britische Parlament gewählt. Da er als Katholik keinen Sitz im Parlament innehaben konnte, war die Wahl zunächst ungültig. Bald mußte die Regierung jedoch dem enormen Druck der Bevölkerung nachgeben und mit dem Emancipation Act von 1829 Katholiken zum Parlament zulassen.
Von nun an durften Katholiken in Westminster sitzen. Ebenso wurde ihnen der Zugang zu einer ganzen Reihe von lokalen Ämtern eröffnet. Daneben wurde ein nationales Volksschulsystem eingerichtet, ein neues Armengesetz garantierte ein Minimum an Sozialfürsorge. Dieser Sieg für die Katholiken wurde nach jahrhundertelangen Niederlagen als großer symbolischer Triumph gefeiert. Der Masse der landlosen Tagelöhner und Kätner, die vom Wahlrecht ausgeschlossen waren, galt O’Connell als der "Befreier" und Held. Noch heute begegnet man O’Connell auf Schritt und Tritt: es gibt unzählige Straßen und etliche Statuen sind nach ihm benannt.
Nach der Emanzipation der Katholiken bestand O’Connells nächstes Ziel in der Aufhebung der Union. Der unerbittliche Widerstand der Regierung ließ ihn dieses Ziel nicht erreichen. Zeitgleich mit den vergeblichen Anstrengungen um die Loslösung von Großbritannien versank das Land unter der Großen Hungersnot. Über zwei Millionen Menschen starben an Hunger oder wanderten nach Übersee aus. Epidemien wie Cholera und Typhus überzogen das gebeutelte Land.
Während der größte Teil Irlands in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hungerte, kam es im protestantischen Irland zur Industriellen Revolution. Mit unglaublicher Geschwindigkeit expandierten im Norden die Leinenwebereien, Schiffswerften und der Maschinenbau. Belfast entwickelte sich vom Provinzstädtchen zu einer prosperierenden Großstadt, wohin es die arme Landbevölkerung auf der Suche nach Arbeit zog. Ulsters Industrielle Revolution verhalf dem Norden Irlands nicht nur zum Wohlstand, sondern auch zu dem Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zu Großbritannien. In Belfast entstand eine städtische Arbeiterklasse, die sich aus Protestanten wie aus Katholiken zusammensetzte. Die gelernten Berufe wurden allerdings von den Protestanten ausgeübt.
Nach dem traumatischen Erlebnis der Großen Hungersnot lag das nationalistische Irland zunächst am Boden. Doch schon bald begannen politische Gruppen erneut, sich zu bilden. 1850 wurde in Ulster die "Irish Tenant Right League" gegründet, 1858 die als "Fenier" bekannte Irisch Republikanische Bruderschaft und 1879 die "Land League". Allmählich setzte sich die von O’Connell initiierte nationalistische Volksbewegung von neuem durch, vor allem im katholischen Mittelstand.
Unter Führung eines - protestantischen - Anwalts namens Isaac Butt begann 1870 die Kampagne zur Wiedererrichtung eines irischen Parlaments, das die Kontrolle über die inneren Angelegenheiten Irlands ausüben sollte. Ihr Ziel war die Selbstregierung - Home Rule - innerhalb des Vereinigten Königreichs.
Mitte der 70er Jahre hatten die Home Rulers bereits 56 Abgeordnete in Westminster. Mit ihrem neuen Präsidenten, Charles Stewart Parnell, fand die Irish Home Rule League breiten Anklang beim Volk, und Parnell stieg zum mächtigsten Mann in der Politik auf. Charles Stewart Parnell stammte aus einer alteingesessenen protestantischen Gutsherrenfamilie. 1875 wurde er ins Unterhaus gewählt. Seine Bemühungen, die Selbstbestimmung für Irland durchzusetzen, scheiterten am Widerstand des Oberhauses.
Durch die Zusammenarbeit Parnells mit Michael Davitt kam die Diskussion der irischen Landfrage in das britische Unterhaus. Bereits zwei Jahre nach Gründung der Land League wurde der Pachtzins den Gegebenheiten angepaßt. Die Agrarreformen waren vor allem von zwei Fragen bestimmt: wem soll das Land gehören, und wer soll das Land regieren? Im Zuge mehrerer Reformen wurde der alte Landadel durch freie Kleinbauern ersetzt. Die Landnahme Cromwells wurde rückgängig gemacht. Natürlich waren die neuen Eigentümer nicht die Nachfahren derer, denen das Land im 17. Jahrhundert gehört hatte, aber dennoch wurden die Landreformen als Wiedergutmachung für ein großes historisches Unrecht begriffen.
Nach den Parlamentswahlen von 1885 wurde die Forderung nach "Home Rule" im politischen Leben Großbritanniens zur dringendsten Frage. Parnell machte sich das Gleichgewicht der politischen Kräfte zunutze und erzwang 1886 einen Gesetzentwurf zur irischen Selbstregierung (Home Rule Bill). Dies hatte allerdings die Spaltung und später den Fall der damaligen Regierung zur Folge. Dennoch war die Diskussion um die irische Selbstregierung nicht mehr auszulöschen. In Irland war Parnell nahezu allmächtig. Er hatte eine straffe politische Organisation aufgebaut, war im Begriff, die Landfrage zu lösen und hatte außerdem die katholische Kirche auf seiner Seite. Vom Volk wurde er als "ungekrönter König Irlands" verehrt. Als jedoch sein Verhältnis mit der Frau eines seiner Parteimitglieder bekannt wurde, war seine politische Karriere beendet. Parnell starb im Oktober 1891.
Nicht nur die Verfassungs- und Agrarpolitik hatte sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts verändert. Gleichzeitig waren Kräfte entstanden, die später wesentlich zur Formung des modernen irischen Staatswesen beitragen sollten. Von großer Bedeutung war, daß es mittlerweile eine nationalistisch geprägte Mittelschicht gab. 1893 wurde eine Bewegung zur Wiederbelebung der alten gaelischen Sprache ins Leben gerufen.
Mit zunehmender Tendenz wurden nach Parnells Tod die nationalistischen Bewegungen militanter. Aber auch der inner-irische Konflikt verschärfte sich. Die "Irish Parliamentary Party" gewann zunehmend an Einfluß. Der nationalistischen Gruppe "Sinn Féin" - "Wir selbst" - schenkte niemand viel Beachtung. Deren Forderung war, daß die irischen Abgeordneten ihre Mandate in Westminster nicht wahrnehmen, sondern statt dessen in Dublin zu einer verfassunggebenden Versammlung zusammentreten sollten. 1912 schließlich wurde die Home Rule Bill im britischen Unterhaus vorgelegt. Die protestantischen Ulsteraner wehrten sich mit allen Mitteln gegen diese Entscheidung.
Im Januar 1913 wurde ein Freiwilligenheer von 200000 Mann, von den illegalen Ulster Volunteers aufgestellt, die sich für die Union mit Waffengewalt einsetzen wollten. Im Gegenzug folgte die Irish Volunteers, eine irische Bürgerarmee. Für die irische Autonomie kämpften weiterhin Sinn Féin, die sozialistische Gewerkschaftsbewegung unter Führung von James Connolly, die Irisch Republikanische Bruderschaft (eine Abspaltung der "Irish Volunteers") sowie die 1892 von Douglas Hyde gegründete Gaeische Liga, die zunächst keine politischen, sondern nur kulturelle Ziele verfolgte.
Im September 1914, als Europa sich bereits im Kriegszustand befand, wurde die "Home Rule Bill" verabschiedet, ihre Durchführung allerdings für die Dauer der Unruhen ausgesetzt. Im Ersten Weltkrieg gelobte Redmond - als Dank für die Erlangung der "Home Rule" - Großbritannien die Unterstützung des nationalistischen Irlands. 40000 irische Soldaten fielen. Wer überlebte, sollte in ein völlig umgekrempeltes Irland zurückkehren.
Mittlerweile hatte die Irisch Republikanische Bruderschaft eine Erhebung vorbereitet. In den Wirren des Ersten Weltkriegs glaubten die irischen Widerstandskämpfer, England sei zu schwach oder unwillig zum Widerstand und riefen für den Ostermontag 1916 zum großen Nationalaufstand auf. Unterstützt wurden sie von den Nationalisten unter Patrick Pearse und den Sozialisten unter Connolly. Auf der Suche nach Waffenhilfe gegen den gemeinsamen Feind wandten sie sich an Deutschland.
Am Ostermontag 1916 besetzten die Revolutionäre eine Reihe von öffentlichen Gebäuden im Zentrum Dublins. Auf dem Dach des Hauptpostamtes in der O’Connell Street hißten sie die Trikolore der irischen Republik, während Patrick Pearse sich vor dem Hauptportal hinstellte und die Proklamation der Republik verlas. Die Revolution war, das mangelhaft organisiert, ein einziges Desaster. Die Erhebung war ursprünglich für Ostersonntag geplant worden, dann aber in letzter Minute auf Ostermontag verschoben worden.
Die Zahl der verfügbaren Männer, die strategische Punkte der Stadt halten sollten, umfaßte statt der erwarteten 3000 nur 1500. Auch die Schiffsladung mit 20000 deutschen Gewehren zur Unterstützung des Aufstandes landete zur falschen Zeit am falschen Ort und endete auf dem Hafengrund von Tralee.
Bereits nach einer Woche war der Aufstand niedergeschlagen. Die Briten hatten ein Kanonenboot die Liffey hochfahren lassen und Teile der Innenstadt zerschossen. Die Führer des Aufstandes mußten sich ergeben. Sie wurden eingekerkert, 16 von ihnen hingerichtet.
Diese Hinrichtungen waren unklug, da sie dem irischen Nationalismus Märtyrer bescherten, die überall im Land gefeiert und besungen wurden. Mit einem Schlag wurde das republikanische Ideengut, zuvor politisches Bekenntnis von einigen wenigen, zur Volksmeinung. Mindestens noch zwei Generationen nach dem Aufstand hing Pearses Portrait in Tausenden von irischen Haushalten.
Der Osteraufstand, wenn auch die Niederlage geendet, schwächte die verfallende Legitimität britischer Herrschaft im nationalistischen Irland weiter und verstärkte gleichzeitig den irischen Widerstandsdrang.
Als der Erste Weltkrieg im November 1918 endete, wurden allgemeine Wahlen ausgerufen. Im Herzen des protestantischen Ulster fiel die Wahl für die Unionisten einstimmig aus. Außerhalb Ulsters verbuchte die Nationalpartei Sinn Féin einen sagenhaften Wahlerfolg. Sie gewann 73 Sitze, folgte aber der alten Politik der Nichtwahrnehmung der Mandate. Statt den Parlamentssitzungen in Westminster beizuwohnen, konstituierten die gewählten Parteimitglieder ein eigenes Parlament in Dublin, den "Dáil Éireann" (Versammlung von Irland), wo sie am 21. Januar 1919 zum ersten Mal zusammentraten. Dabei beriefen sie sich auf die 1916 von den Aufständischen ausgerufene Republik und erhoben Anspruch auf eine legitime Regierung von ganz Irland. Eamon De Valera, der ranghöchste überlebende Kommandant von 1916, wurde als Präsident eingesetzt.
Diese eigenmächtige Entscheidung wollte Großbritannien nicht hinnehmen, der anglo-irische Krieg entbrannte. Während der folgenden 2½ Jahre fochten die "Irish Volunteers", inzwischen Irisch Republikanische Armee (IRA) genannt, gegen die Streitkräfte der britischen Krone. 1921 endete der Krieg auf diplomatischer Ebene. Die Insel wurde geteilt.
Die Briten hatten den hartnäckigsten Widerstand der Ulster-Protestanten gegen jeden Ausgleich mit dem nationalistischen Irland anerkannt. Die sechs protestantischen Grafschaften des Nordostens wurden - nach einem Volksentscheid, der aufgrund der protestantischen Siedlermehrheit für Großbritannien ausfiel - der Krone zugeschlagen.
Die heutigen 26 irischen Grafschaften - counties - hingegen wurden zum Freistaat erklärt und als selbständiges Mitglied in den Commonwealth aufgenommen. Irland war ein autonomes Land geworden, zwar innerhalb des British Empire, jedoch gleichberechtigt gegenüber dem Mutterland. Nordirland erhielt ein eigenes Parlament in Belfast.
Mit dem Vertrag vom Winter 1921 endete die seit 120 Jahren bestehende Union mit England. Doch schon während der Unterzeichnung der Verträge kam es zu erheblichen Interessenskonflikten, denn mit der Teilung des Landes waren viele Iren nicht einverstanden. Ein regelrechter Bürgerkrieg brach 1921 zwischen "Republikanern" und den Kämpfern für den Freistaat Irland aus. Sinn Féin und die IRA spalteten sich. Erst 1923 konnten die Regierungstruppen (nun die irischen) den Streit beenden. Die Vertragsbefürworter siegten. Der neue Staat wurde gegründet.

Die Teilung des Landes entsprach historischen Tatsachen. Nur in Ulster gab es eine Bevölkerung, die sich aufgrund von Blutsbanden, Geschichte, Religion und Loyalität britisch fühlte. Als Teil des Vereinten Königreichs stand Nordirland materiell besser da als der Süden. Wenn man die Grenze von Norden nach Süden überquerte, begab man sich von einem Land, das besiedelt, in ein Land, das lediglich kolonisiert worden war, von einer sorgfältig bebauten in eine relativ vernachlässigte Landschaft.
Aus dem übrigen Irland war der Irische Freistaat entstanden, der jenem Territorium entsprach, das zur Zeit der Reformation katholisch geblieben war. Aus dem Irischen Freistaat entwickelte sich allmählich die Republik Irland. 1937 wurde der "souveräne, unabhängige demokratische Staat" Eire unter Präsident Douglas Hyde proklamiert. Irland erhielt eine neue Verfassung. Gleichzeitig war Eire jeglicher Verpflichtung gegenüber der britischen Krone entbunden.
Während der ersten vierzig Jahre seines Bestehens war der neue Staat vor allem daran interessiert, sich von Großbritannien abzugrenzen. Während des 2. Weltkriegs verhielt sich die Republik Irland neutral. Nordirland kämpfte unter britischer Flagge. Das unabhängige Eire war konformistisch und genoß gleichwohl seine politische Legitimität, etwas, was es jahrhundertelang in Irland nicht gegeben hatte.
In wirtschaftlicher Hinsicht verhielt man sich zunächst protektionistisch, eine Strategie, die zwar kurzfristig Erfolg hatte, aber schon Ende der 50er Jahre zu Übersubventionierung, Ineffizienz und beinahe zum wirtschaftlichen Zusammenbruch führte. Schließlich gab man die Schutzzollpolitik auf, optierte für den Freihandel, suchte, der Europäischen Gemeinschaft beizutreten (1973), und versuchte, die Wirtschaft zu modernisieren.
1955 trat Irland den Vereinten Nationen bei. Durch die Hilfe ausländischer Investitionen nahm die irische Wirtschaft großen Aufschwung. Der Beitritt zur EU brachte ebenfalls finanzielle Vorteile, von denen Landwirtschaft und Straßenbau profitierten, wenngleich auch die hohe Arbeitslosigkeit immer noch eines der größten Probleme der irischen Wirtschaft darstellt.
Überschattet wurde diese positive Entwicklung von Ereignissen, die den Norden und den Süden gleichermaßen erschütterten und die bis vor kurzem andauerten: die "troubles" in Nordirland.
Während in Südirland der historische Streit ein für allemal begraben wurde und die Assimilation der kleinen protestantischen Minderheit relativ schmerzlos verlief, war die Entwicklung in Nordirland weniger friedlich. Während die Nationalisten davon träumten, die Teilung des Landes eines Tages aufheben zu können, reagierten die Unionisten, indem sie die nordirischen Nationalisten zu Bürgern zweiter Klasse degradierten, u.a. mit offener Diskriminierung am Arbeitsplatz und in der Wohnungspolitik. Fast 50 Jahre lang genoß die protestantische Provinz zwar relative Ruhe - aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm.
Verschiedene Bürgerrechtsbewegungen hatten Reformen (z.B. die Zuteilung von Sozialwohnungen nach Bedarf statt nach Konfession, eine Beendigung der Diskriminierung im Wahl- und Sozialrecht und die Auflösung des repressiven staatlichen Sicherheitsapparats) angestrebt, denen sich die Protestanten energisch widersetzten. Die Unruhen begannen in Londonderry und in Belfast und arteten schon bald von beiden Seiten in Gewalt aus. Gekämpft wurde untereinander, gegen die Polizei und gegen den Staat selbst. Großbritannien setzte die britische Armee ein, um die beiden Parteien auseinanderzuhalten. Die IRA, jahrelang untätig, lebte als Miliz zur Verteidigung der Katholiken wieder auf. Bald ging sie jedoch aus der Verteidigungshaltung zu einer Terrorkampagne über, die auch auf England übergriff und darauf ausgerichtet war, einen vollständigen Abzug der Briten aus Nordirland zu erzwingen.
1973 scheiterte der Versuch einer politischen Machtteilung zwischen der katholischen Minderheit und der protestantischen Mehrheit. Auch ein 1985 unterzeichnetes Abkommen (Mitspracherecht der Republik in Nordirland und Einflußübernahme auf nordirische Belange) konnte nicht zu einer Lösung der Probleme führen.
Es ist die protestantische Siedlermehrheit in Nordirland, die sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, den Gesetzen und Normen eines katholischen Staates unterworfen zu werden. Das letzte Vierteljahrhundert hat einschneidende Veränderungen erbracht. Die meisten Bürgerrechtsforderungen sind längst erfüllt. der Stormont, das Parlament in Belfast, wurde von den Briten aufgelöst, Nordirland statt dessen direkt von London aus regiert. Die sinnlosen IRA-Kampagnen hingegen gingen weiter, bis im August 1994, zur Überraschung vieler und völlig unerwartet, ein Waffenstillstand ausgerufen wurde. Eineinhalb Jahre war es relativ ruhig auf der Grünen Insel, bis im Februar 1996 erneut Bombenanschläge seitens der IRA die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden erschütterten.
In der südirischen Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren ebenfalls zunehmende Veränderungen abgezeichnet. Die katholische Kirche, die seit der Staatsgründung die Politik in erheblichem Maße mitbestimmt hatte, verlor zunehmend an Einfluß. Eine fortschreitende Liberalisierung bei Fragen der Gleichberechtigung, der Abtreibung und Ehescheidung war die Folge. Seit 1995 sind per Volksentscheid Ehescheidungen zulässig.
Eine herausragende Figur in diesem neuen europäisch geprägten Irland ist Mary Robinson, seit 1990 Staatspräsidentin und damit erste Frau an der Spitze Irlands.

The Great Famine

In den Jahren 1845-1849 ereignete sich die größte Katastrophe in der irischen Geschichte. Die Wurzeln lagen in der englischen Mißwirtschaft, die eine entsetzliche Armut zur Folge hatte.
Die koloniale Politik der Engländer hatte zahllose Pächter aus dem Osten in den unfruchtbaren Westen getrieben. Das fruchtbare Land war zum größten Teil im Besitz von englischen Großgrundbesitzern. Diese betrachteten Irland als ihre Rinderfarm und erzwangen die Umwandlung von Ackerflächen in Weideland. Getreide und Vieh wurden massenhaft nach England ausgeführt. Um Konkurrenz auszuschalten, wurde der irische Handel mit dem Ausland eingeschränkt. Die irischen Bauern waren sehr arm, ihre einzige Nahrung waren die Kartoffeln. Diese wuchsen überall, selbst auf nassen, steinigen und schlechten Böden. Gedüngt mit Seetang, brachten sie ausreichende Erträge und erlaubten mehr Bewohner pro Hektar.
Zwischen 1816 und 1842 hatte es schon verschiedene Kartoffelkrankheiten gegeben, aber im Herbst 1845 wurde die Kartoffel erneut von einer Pilzkrankheit befallen. In diesem und in den darauffolgenden Jahren wurden durch die Kartoffelfäule die Ernten vollständig vernichtet. Die Lebensgrundlage der Menschen war zerstört.
Die Landlords, die abgeschirmt in ihren Herrenhäusern lebten, interessierten sich nicht für das, was um sie herum geschah. Objektiv gesehen, gab es noch nicht einmal einen Lebensmittelmangel. Die Engländer exportierten während der Hungersnot massenhaft Fleisch und Getreide von Irland ins Mutterland. Die englische Regierung hielt sich engstirnig an ihre Wirtschaftauffassung vom "laissez faire" und war der Auffassung, daß der Staat in die Wirtschaft nicht eingreifen dürfe. Irland sollte selbst mit dieser Situation fertigwerden, was dem Land jedoch selbst mit der Einrichtung von Volksküchen und durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (Straßenbau) nicht gelang.
In diesem Jahr starb eine Million Menschen, eine weitere Million wanderte nach Übersee aus. Die sogenannten "Sargschiffe" Richtung Amerika waren meistens völlig heruntergekommene Segler. Viele starben noch während der Überfahrt. Die Bevölkerung sank von 8,2 Millionen 1841 auf 5,8 Millionen.


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